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Corona – ein steiniger Weg

Dermatologische Kongresse Die wohl größte derzeitig für Dermatologen geplante Tagung DERM in Frankenthal Ende März 2020 musste wegen der pandemischen Corona-Ausbreitung abgesagt werden. Wie schwierig dies angesichts politischer „Ungenauigkeiten“ war, schildert der Veranstalter Dr. med. Klaus Fritz, Landau.

Dr. med. Klaus Fritz (Foto: privat)
Dr. med. Klaus Fritz (Foto: privat)

Als wir zu Jahresbeginn aus China von der neuartigen Infektion hörten, war sie noch weit weg, keiner dachte daran, dass sie bei uns genauso dominierend werden ­könnte. Auch als die ersten Fälle in Europa und in Deutschland bekannt wurden, hatten wir alle – und daher auch 95 % unserer Teilnehmer – dem Ganzen nicht viel mehr medizinische Bedeutung beigemessen als den alljährlichen Grippewellen, denn bei anderen Influenzawellen wurden Erkrankte und Tote entweder nicht gezählt oder nicht kommuniziert.
Das war jetzt anders. Die Medien befeuerten diese Entwicklung. Letztlich war unklar, ob mehr die Panik oder das tatsächliche Infektions­risiko im Vordergrund stand. Anfang März begann dann eine Entwicklung, die es wohl so noch nie gegeben hat.
Kurze Chronologie der Ereignisse
Donnerstag, 5.3.2020:

Es gab nur wenige Erkrankte, die Medien berichteten, aber alles läuft noch normal, alle Veranstaltungen finden statt. Kolleginnen und Kollegen rufen an, da sie wollen, dass die Tagung stattfindet. Erste internationale Kongresse wurden abgesagt, aber nur solche mit sehr großen Teilnehmerzahlen wie die 160.000 der Tourismusbörse oder die 15.000 der AMWC Monaco. Die AAD (15.000) mailt hingegen, die zeitgleich zu unserer DERM geplante Tagung finde statt. Die erste Firma verbietet ihrem Außendienst Dienstreisen und Kongress­teilnahmen, sagt aber nicht ab.
Freitag, 6.3.2020:

Fast kein Teilnehmer storniert. Viele rufen an oder mailen, wir sollen die Tagung stattfinden lassen. Alle Schulen mit >1.000 Schülern sind offen, ICEs fahren, ­Fußballspiele mit 40.000 Zuschauern finden statt, und das sogar in Mönchengladbach, 10 km neben dem Risiko­gebiet Heinsberg. Veranstaltungen sowie Besuche in Museen mit weit mehr als 1.000 Besuchern/Tag sind geöffnet. Eine erste Firma sagt ihre Teilnahme an der DERM ab.
Samstag, 7.3.2020:

Immer noch finden alle Veranstaltungen statt. Unsererseits lief bereits fast eine Woche eine Anfrage an die Stadtverwaltung sowie an das zuständige Gesundheitsamt, ob die Tagung durchgeführt werden kann. Vier Tage später erfahren wir, dass eine Stellungnahme des Gesundheitsamtes – aber ohne Entscheidung – bereits seit Tagen bei der Stadt vorliegt, ohne dem Kongresszentrum oder uns dies zur Kenntnis zu geben, trotz mehrfacher Mails und Anrufe. Dann plötzlich verändert sich die Situation fast stündlich, auch die Statements der Viro­logen werden ernster, die Zahl der Erkrankten steigt ­exponentiell, ­panikartige Reaktionen der Öffentlichkeit nehmen zu.

 

„Für keinen der Beteiligten war diese Situation vorhersehbar und keiner wusste, wie damit umzugehen ist.“


Was macht man nun mit einer großen Tagung, die unmittelbar bevorsteht? Man hofft auf klare Vorgaben der zuständigen staatlichen Behörden. Warum? Wie bei sonstigen Buchungen gibt es Rücktrittsfristen mit prozentualen Zahlungen je nach Zeitpunkt für beide Seiten. Diese Fristen waren jetzt längst vorbei. Es gibt aber auch immer den Passus, dass höhere Gewalt nicht nur zur Verschiebung, sondern sogar zur ersatzlosen Absage berechtigt.
Wer entscheidet eigentlich?
In Ländern um uns herum wie Frankreich, Schweiz etc. gibt es hier schon klare rechtsverbindliche Anweisungen der Regierungen, ob und bis zu welcher Größe Veranstaltungen erlaubt sind. Bei uns gibt es erst mal nichts, dann den Hinweis, nicht das Bundesgesundheitsministerium oder eine zentrale Gesundheitsbehörde, sondern die Kommunen seien für die Entscheidung zuständig, ob eine Absage zwingend wird. Und hier lag das Problem: Es gab keine rechtsverbindlichen Anweisungen, lediglich „unverbindliche Empfehlungen“, die alle wirtschaftlichen Folgen auf die Veranstalter, Kongresszentren etc. verlagerten, statt dafür zu sorgen, dass zwar möglicherweise jeder Beteiligte einen kleinen Verlust einstecken muss, aber nicht Einzelne so belastet und wie im Falle von Messebau-Firmen, Agenturen, Hotels mit großen wirtschaftlichen Belastungen durch Kosten und Regresse bedroht werden. Während die Schweiz bereits alle Veranstaltungen mit >1.000 Teilnehmern untersagt hatte, gab der Bundesgesundheitsminister „Empfehlungen“, die aber keine bindende Wirkung haben und im Streitfall bedeutungslos, vor allem wirtschaftlich folgenreich sind und das Risiko dem Veranstalter aufbürden.
Montag, 9.3.2020:

Krisentreffen mit dem Kongressforum, der Amtsarzt konnte auf Handy erreicht werden, die zuständige Person im Ordnungsamt der Stadt konnte mit Mühen erreicht werden. Die erneute dringliche Bitte um klare rechtsverbindliche Stellungnahme wurde mit der Begründung abgelehnt, man sei nicht zuständig – also das Gegenteil von dem, was das angeblich auch nicht zuständige Bundesgesundheitsministerium sagte. Letztlich empfahl man: Wir sollen eine E-Mail schreiben, alles schildern, man werde dann reagieren ...
Klare Ansagen herbeigesehnt
Dienstag, 10.3.2020:

Italien geht in Quarantäne – keine Reaktion der zuständigen städtischen Behörde, keine aus dem Bundesgesundheitsministerium! Am Nachmittag dann aus unserer Sicht die Erlösung: Die bayerische und die baden-württembergische Landesregierung untersagen rechtswirksam große Tagungen, im Stundentakt ziehen andere Bundesländer nach, manche wie RLP allerdings immer noch nur mit Empfehlungen, ganz im Gegensatz zu Österreich, Tschechien, Polen, Frankreich oder gar Italien. Letztendlich haben wir dann das potenzielle Restrisiko in Kauf genommen, allerdings beflügelt durch die so sehr ersehnten klaren Ansagen der ersten beiden Landesregierungen. Erleichternd und risikomindernd ergab sich dann zusätzlich, dass wir Termine finden konnten, um die Tagung nicht absagen zu müssen, sondern sie verschieben zu können.
Mittwoch, 11. bis Samstag, 14.3.2020:
Auch kleinere Veranstaltungen werden jetzt zunehmend abgesagt, ganze Länder verkünden Gesamtquarantäne, erst jetzt eine Veröffentlichung am Freitagnachmittag: Die Stadt Frankenthal verbietet größere Veranstaltungen. Inzwischen haben die meisten Teilnehmer umgebucht, ebenso die Industrie, und werden im Oktober kommen. Die bereits als Teilnehmer registrierten Ärzte erhalten, wenn sie dies bis 31.3.2020 mitgeteilt haben, ihr Geld zurück und können sich, wann immer sie wollen, neu anmelden, denn der eine oder andere ist dann vielleicht in den Herbstferien oder sonst verhindert. Trotz Kosten und wenn es vertraglich nicht vorgesehen war, bieten wir diese Kulanzlösung an. Für keinen der Beteiligten war diese Situation vorhersehbar und keiner wusste, wie damit umzugehen ist. Inzwischen fühlen wir uns gestärkt, nachdem wir die Krise in diesem Fall gemeistert und die Tagung erfolgreich auf den 16. bis 18.10.2020 verschoben haben.                                                                                                                                            

Kontakt
Dr. med. Klaus Fritz
Reduitstr. 13
76829 Landau
Tel.: 06341-93505-34

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