9. Deutscher Wundkongress und 11. Pflegekongress in Bremen

Neue Aspekte, Erkenntnisse und Innovationen

Premiere beim 9. Deutschen Wundkongress: Erstmals beteiligten sich vier Fach­gesellschaften mit eigenen Sitzungen am europaweit größten interdisziplinären
Kongress in der Wundversorgung – die Deutsche Dermatologische Gesellschaft
sowie die drei Deutschen Gesellschaften für Lymphologie, Phlebologie und für
Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin.

Foto: Messe Bremen/Jan Rathke
Vom 6. bis 8.  Mai 2015 kamen Pflegende und Mediziner zu Austausch und Fortbildung auf dem 9. Deutschen Wundkongress und 11. Bremer Pflegekongress in der Messe Bremen zusammen.

Volle Vortragssäle und Ausstellungshallen sowie ausgebuchte Workshops – 4.910 Pflegende und Ärzte kamen Anfang Mai 2015 zum 9. Deutschen Wundkongress und 11. Bremer Pflegekongress (Vorjahr: 4.708) in die Messe Bremen. „Wir freuen uns, dass der Doppelkongress trotz des Bahnstreiks auf so gute Resonanz gestoßen ist“, sagte die Projektleiterin Kordula Grimm. 108 Pharmafirmen, Kliniken, Dienstleister und Verlage nutzen die begleitende Fachausstellung, um ihre Arbeit und ihre Produkte rund um die Wundversorgung und Pflege vorzustellen (Vorjahr: 107).


Thema chronische Veneninsuffizienz


Etwa zwölf Millionen Deutsche leiden an chronisch venöser Insuffizienz, von ihnen entwickeln fünf bis zehn Prozent ein Ulcus cruris venosum. Neue Aspekte, Erkenntnisse und Innovationen zu diesem und anderen Themen der Wundversorgung interprofessionell zu vermitteln, war das Anliegen der europaweit größten interdisziplinären Tagung auf diesem Sektor.


Kompressionstherapie zu selten durchgeführt


Zur Vermeidung und Behandlung der Venenschwäche gilt die Kompressionstherapie als bewährtes Mittel. Sie war daher ein Schwerpunkt beim 9. Deutschen Wundkongress. Trotz ihrer Wirksamkeit werde die Kompressionstherapie selten durchgeführt, erklärte Prof.Dr. med. Matthias Augustin, Hamburg-Eppendorf: „Untersuchungen zu Praxis und Expertise zeigen hier enorme Defizite.“ Patienten wiederum empfänden Kompressionsverbände häufig als lästig oder schmerzhaft, was zu einer geringen Compliance führe. Maßnahmen für eine Erhöhung des Tragekomforts fehlen jedoch in der breiten Versorgung. In einer Wundkongress-Session ging es folglich um Standards und neue Entwicklungen der Kompressionstherapie, Workshops schulten die Teilnehmer im Anlegen dieser Verbände.


Nötige Druckwerte werden oft nicht erreicht


Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz gut versorgt zu wissen ist auch das Anliegen von Kerstin Protz, die beim Wundkongress zu Herausforderungen und Methoden der Kompressionstherapie referierte. „Meist wird viel zu locker gewickelt. Deshalb erreichen weniger als zehn Prozent der Studienteilnehmer die nötigen Druckwerte“, erläuterte die Projektmanagerin Wundforschung am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, die 2014 eine entsprechende Studie vorstellte. Besonders bewährt für die Abheilung von Ulcus cruris venosum haben sich Kompressionen aus mehreren Komponenten. „Aber nur 15 Prozent der Befragten kennen solche Systeme, obwohl sie seit 2000 auf dem deutschen Markt sind“, so die Expertin. Im Medizinstudium und bei der Pflegeausbildung werde die Therapie kaum berücksichtigt. „Das muss sich ändern. Manche Patienten leben 40 bis 100 Wochen mit gewickelten Beinen, statt zeitnah nach einer Entstauung Kompressionsstrümpfe zu erhalten“, berichtet Protz.


Auch ein haftungsrechtliches Problem


Experten gehen davon aus, dass jährlich 400.000 Menschen in Deutschland ein behandlungsbedürftiges Druckgeschwür entwickeln – Tendenz steigend. Aufgrund des gewachsenen Problembewusstseins von Patienten gewinnt daher auch der haftungsrechtliche Aspekt im Wundmanagement mehr und mehr an Bedeutung. In seinem Vortrag „Dekubitus als Rechtsthema“ stellte der Fachanwalt für Medizinrecht Gerald Tix straf- und zivilrechtliche Urteile vor.
Die Versorgung chronischer Wunden bei Obdachlosen und Gefängnisinsassen stellen Betroffene und Behandlungsteam vor besondere Herausforderungen. In der Sitzung „Wunden, die keiner sieht“ stellt etwa die Pflegeexpertin Zeynep Babadagi-Hardt dar, dass hierbei eigene Grenzen überwunden, Vertrauen auf beiden Seiten und Motivation zur Therapie entwickelt werden müssen.


Spinnenseide als Wundauflage und Nahtmaterial


Beim Wundkongress ging es unter anderem auch um Spinnenseide. Wie sich damit problematische Wunden behandeln lassen, erforscht Dr. med. Jörn Kuhbier an der Medizinischen Hochschule Hannover. Dabei ist das Verfahren nicht neu, wie der Chirurg erzählt: „Bereits in der Antike haben Ärzte den Einsatz empfohlen.“ Aktuelle Experimente zeigten, dass die Seidenfäden der Goldenen Radnetzspinne gut verträglich, blutstillend, elastisch, reißfest und flexibel sind. „Zudem sind sie stabiler als Kevlar, das etwa in schusssicheren Westen verwendet wird“, ergänzt Kuhbier. Auch seien die Fäden vielfältig einsetzbar. Kuhbier berichtet in Bremen über Versuche, nach denen sich Spinnenseide etwa als Wundauflage, Nahtmaterial oder für die Verbindung von getrennten Nervenbahnen eignet.


Nächstes Jahr europäisch


2016 wird der Deutsche Wundkongress europäisch ausgerichtet sein. Einmalig gibt es einen gemeinsamen Kongress der European Wound Management Association (EWMA) mit der Austrian Wound Association (AWA), der Schweiz. Gesellschaft für Wundbehandlung (SAfW) und der Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW). Der Termin steht bereits fest: Mittwoch bis Freitag, 11. bis 13. Mai 2016. Der Bremer Pflegekongress setzt deshalb im kommenden Jahr ­aus.                                   

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