Gräserpollen-allergische Kinder

Versorgung verbesserungsfähig

Gemäß einer aktuellen Versorgungsforschungsanalyse entspricht die kausale Behandlung einer Gräserpollenallergie bei Kindern und Jugendlichen mittels einer Spezifischen Immuntherapie (SIT) überwiegend nicht dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft.

Nur wenige Präparate weisen ihre Wirksamkeit in heutigen Standards entsprechenden Studien bei Kindern und Jugendlichen nach. Jedoch wird die Gräser-Tablettentherapie nur etwa bei jedem vierten Patienten eingesetzt. Diese Behandlungsrealität in Deutschland, bezogen auf das Jahr 2012, wurde von deutschen Allergologen auf dem diesjährigen 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V in Bremen während eines von ALK-Abelló und Stallergenes unterstützten Industriesymposiums „SIT bei Kindern und Jugendlichen – eine kritische Betrachtung der aktuellen Versorgungssituation“ auch im Hinblick auf die bald neu erscheinende S2-Leitlinie zur SIT diskutiert.

Prof. Dr. med. Ulrich Wahn, Berlin, machte darauf aufmerksam, dass die Prävalenz von Sensibilisierungen gegen Inhalationsallergene in Deutschland weiter zugenommen hat. Davon besonders häufig betroffen sind vor allem jüngere Menschen. Fast jedes zweite Kind zeigt bereits Sensibilisierungen. „Dabei kann von einem allergischen Marsch gesprochen werden, gekennzeichnet von zunehmender Sensibilisierung gegen diverse Allergene sowie einer Zunahme der Symptomlast“, erläuterte Wahn.

 

Neue Leitlinie: Evidenz wichtiger als Applikationsweg

 

Voraussetzung des sinnvollen Einsatzes einer SIT ist die vorliegende Evidenz für das einzelne Präparat. Dies wird, wie Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Bochum, berichtete, in der 2014 erscheinenden S2-Leitlinie (LL) zur Immuntherapie ausdrücklich betont. Die Evidenz ist demnach wichtiger als der Applikationsweg in Form einer sublingualen (SLIT) oder subkutanen (SCIT) Immuntherapie. „Dies ist die übereinstimmende Position der allergologischen Fachgesellschaften DGAKI, ÄDA und GPA“, betonte Hamelmann.

Die Evidenz sollte gemäß definierter Kriterien, wie z. B. der WAO (World Allergy Organization), gezielt für die jeweilige Altersklasse nachgewiesen werden. Unter anderem werden hier ein standardisierter Allergenextrakt sowie doppelblinde kontrollierte Studien verlangt, die statistisch signifikante Effekte erbracht haben. Die europäische Zulassungsbehörde EMA fordert darüber hinaus den Nachweis von Langzeiteffekten der SIT, also auch über die eigentliche Behandlungszeit hinaus. Nur so könne eine Krankheitsmodifikation nachgewiesen werden.

Wendet man alle diese Kriterien auf die vorhandenen Gräser-SIT-Präparate an, führte Hamelmann weiter aus, ist die Datenlage bei vielen Produkten eher dünn oder nicht vorhanden. Schaut man dann genauer auf die Evidenzsituation für die SIT speziell bei Kindern, so bleiben kaum Präparate übrig, die ein entsprechendes Studienprogramm durchlaufen haben. Nur zwei Präparate, so der Pädiater, nämlich die Sublingualtabletten Oralair® und Grazax®, können mit einem evidenzbasierten Wirksamkeitsnachweis nach heutigem Standard mittels gesonderter Studien für Kinder und Jugendliche aufwarten und verfügen so über eine ausdrückliche Zulassung für diese Patientenpopulation, die heutigen Standards entspricht. Bei vielen „Altzulassungen“ seien zwar Kinder in die Fachinformation eingeschlossen, es gäbe aber keinen Wirksamkeitsnachweis für diese Altersgruppe.

 

Nur jedes vierte Präparat für diese Indikation zugelassen

 

In der täglichen Praxis werden immer noch Therapie-Allergene mit sehr unterschiedlichen Evidenzgraden, wie beispielsweise fehlender Zulassung für bestimmte Patientengruppen, eingesetzt. Dies lässt sich gut an einer Versorgungs- forschungsanalyse zum SIT-Verschreibungsverhalten bei Kindern und Jugendlichen mit einer Gräserpollenallergie ablesen, erläuterte Prof. Dr. med. Jürgen Seidenberg, Oldenburg.

Die Analyse wertete deutschlandweite GKV-Verordnungsdaten aus dem Jahr 2012 bei 7.527 Kindern und Jugendlichen (5 bis 17 Jahre) aus, die in der Indikation „Atemwegsallergie gegen Gräserpollen“ mit einer SIT behandelt wurden. Von den 17 zur Anwendung gelangten Produkten sind lediglich acht zugelassen. Fünf dieser acht zugelassenen Präparate verfügen über eine Studie gemäß modifizierter WAO-Kriterien und nur drei über eine solche Studie speziell an Kindern. Eine explizite Kinderzulassung nach heutigem Standard und die entsprechenden Wirknachweise haben wiederum nur die beiden genannten Sublingualtabletten.

Mit diesen beiden Substanzen wurden in 2012 aber nur 26% der Kinder und Jugendlichen therapiert. Seidenberg resümierte: „Obwohl es also für Gräserpollenallergien die Möglichkeit gibt, Kinder und Jugendliche evidenzbasiert und mit einer zeitgemäßen Zulassung zu behandeln, wurde dies 2012 nur bei einem Viertel der Patienten mit entsprechenden Präparaten durchgeführt.“ Rund die Hälfte (48%) wurden mit Produkten behandelt, die keinen modernen Evidenznachweis angelehnt an die WAO-Kriterien erbracht haben.

 

Gute Erfahrungen in der Kinderarztpraxis

 

Die niedergelassene Kinderärztin mit dem Schwerpunkt Allergologie, Dr. med. Christine Gronke, Ludwigsfelde, berichtete über ihre Praxiserfahrungen mit sublingualen Tabletten zur Gräser-SIT. Bei 50 behandelten und dokumentierten Kindern mit Gräserpollenallergie zeigten 43 Kinder (86%) eine deutliche Besserung der Pollinose. Von den 35 Kindern mit allergischem Asthma erfuhren 32 Kinder (91%) eine spürbare Reduktion ihrer diesbezüglichen Symptome.

Von entscheidender Bedeutung sind – gerade bei Kindern – die zu erwartenden Nebenwirkungen, weiß die Kinderärztin. 42 der 50 mit Gräser-Tabletten behandelten Kinder gaben Nebenwirkungen an. Ein Therapieabbruch aufgrund dieser unerwünschten Wirkungen war bei vier Kindern zu verzeichnen. „Die meisten Nebenwirkungen“, so Gronke, „sind lokal und mild bis moderat.“ Dies deckt sich mit neueren Daten Nicht-Interventioneller Studien (NIS), denen zufolge insbesondere Kinder und Jugendliche in der überwiegenden Mehrheit angaben, die Therapie „gut“ oder „sehr gut“ zu vertragen. Dies wirkt sich insbesondere auch auf die Compliance aus, die Gronke bei 42 der 50 behandelten Kinder als „gut“ erlebte.

In jedem Fall müssen Eltern und Kinder vor der Therapie gründlich aufgeklärt werden, dass unerwünschte Symptome auftreten können. „Außerdem sollte die erste Gabe der Tablette gegen die Gräserallergie immer in der Praxis erfolgen“, so Gronke. ve

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