Titelthema Oktober 2016

26. Deutscher Hautkrebskongress der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) in Dresden

Perspektiven für Melanompatienten mit Hirnmetastasen und bei epithelialem Hautkrebs

Beim 26. Deutschen Hautkrebskongress der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) vom 22. bis 24. September 2016 in Dresden wurden neueste Erkenntnisse in der Dermato-Onkologie vorgestellt. Kerstin Aldenhoff berichtet für DERMAforum.

Nach den vielversprechenden Fortschritten in den letzen Jahren mit neuen Therapie­möglichkeiten – etwa innovativen Strategien bei der Systemtherapie des Melanoms, einer entscheidenden Verbesserung der Überlebenschancen für Patienten mit metastasiertem Melanom – gibt es weitere positive Ergebnisse in Forschung und Entwicklung, die beim Hautkrebskongress vorgestellt wurden. Auch die Perspektiven für Melanompatienten mit Hirnmetastasen haben sich verbessert. Diese sind die häufigste Todesursache bei Patienten mit metastasiertem Melanom.

 

Neue Therapieoptionen für Melanompatienten mit Hirnmetastasen


Einen Überblick über die neuen Behandlungsoptionen bei Melanompatienten mit Hirnmetastasen gab Prof. Dr. med. Friedegund Meier, Klinik und Poliklinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Dresden, die die wissenschaftliche Leitung des Hautkrebskongresses der ADO übernommen hat: „Für Patienten mit fernmetastasiertem Melanom stellen Hirnmetastasen die häufigste Todesursache dar. Bis vor Kurzem war die Lokaltherapie (Operative Therapie, Strahlentherapie) die einzige Möglichkeit Hirnmetastasen zu kontrollieren. Inzwischen stehen zusätzlich wirksame medikamentöse Behandlungen zur Verfügung.Bei Verdacht auf Hirnmetastasen ist eine Kernspintomografie des Gehirnschädels angezeigt und eine neurologische Untersuchung anzustreben. Für die Therapieplanung sollten die Anzahl und das Beschwerdebild der Hirnmetastasen, aktuelle Laborwerte (Tumormarker S-100 und LDH), die Metastasierung in andere Organe sowie der Allgemeinzustand (ECOG-Status) einbezogen werden. Die Therapieentscheidung bzw. -durchführung sollte interdisziplinär über Tumorkonferenzen erfolgen.
Bei einzelnen Hirnmetastasen sind die operative Therapie und die stereotaktische Strahlentherapie etabliert, die das Überleben verlängern können. Bei drei bis vier Metastasen (ggf. ≤ 10 Metastasen) und einer Größe von 0,5 bis 4 cm kommt eine stereotaktische Strahlentherapie in Betracht.
Die Frage der unterstützenden (adjuvanten) Ganzhirnbestrahlung nach operativer Therapie oder stereotaktischer Strahlentherapie wird aktuell in prospektiven Studien untersucht. Im klinischen Alltag wird die adjuvante Ganzhirnbestrahlung derzeit zurückhaltend eingesetzt.
Sowohl BRAF-Inhibitoren, die gezielt den durch die BRAF-Mutation aktivierten RAF-MEK-ERK-Signalübertragungsweg in der Tumorzelle blockieren und damit das Wachstum der Tumorzellen hemmen, als auch Immun-Checkpoint-Inhibitoren, die Abwehrzellen des Immunsystems (T-Zellen) aktivieren, haben in klinischen Studien Wirksamkeit bei Hirnmetastasen gezeigt (Ansprechraten 20 bis 40 %; medianes Gesamtüberleben sechs bis acht Monate). Hirnspezifische Resistenzmechanismen scheinen jedoch die Wirksamkeit einer medikamentösen Behandlung einzuschränken.
Patienten mit multiplen Hirnmetastasen und Beschwerden wird eine Ganzhirnbestrahlung angeboten, wobei bisher kein signifikanter Vorteil für das Gesamtüberleben gezeigt werden konnte und bei 30 % der Patienten eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses erwartet wird, wenn keine Hippocampus-Schonung durchgeführt wurde. Bei erhöhtem Hirndruck und Krampfanfällen ist eine medikamentöse Behandlung mit Kortikosteroiden und Antikonvulsiva angezeigt.
Aktuell stehen für Patienten mit metastasiertem Melanom und Hirnmetastasen mehrere wirksame lokale und medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.
Die Studienaktivität für Melanompatienten mit Hirnmetastasen hat deutlich zugenommen. Aktuell werden neue medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten wie PD-1-Antikörper, Ipilimumab plus Nivolumab, BRAF-Inhibitoren plus MEK-Inhibitoren sowie stereotaktische Strahlentherapie in Kombination mit den o. g. medikamentösen Therapien untersucht.“
Weitere Schwerpunkte beim Hautkrebskongress der ADO waren zum Beispiel das Management von fortgeschrittenen epithelialen Hauttumoren, dem sogenannten „Weißen Hautkrebs“ und Vorstufen wie Aktinische Keratosen. Renommierte Experten vermittelten dazu mit aktuellen Studiendaten den Zugang zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Hierüber berichtete Dr. med. Jan Maschke, leitender Oberarzt der operativen Abteilung, Klinik und Poliklinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Dresden.


Kongress-Schwerpunkt Keratinozytärer Hautkrebs


Ein weiteres wichtiges Schwerpunktthema waren neue Behandlungsmöglichkeiten bei epithelialem Hautkrebs und dem aggressiven Merkelzellkarzinom der Haut. Die oberste Schicht der Haut, dem größten Organ unseres Körpers, besteht aus einem Zelltyp, der besonders äußeren Einflüssen wie dem UV-Licht, Umweltschadstoffen, Hitze und Kälte ausgesetzt ist. Dieser Zelltyp, die Keratinozyten, bilden natürlicherweise unseren äußeren Schutzschild in Form einer geschichteten feinen Hornhaut. Im Laufe des Lebens führen die Schäden von außen und hier insbesondere das UV-Licht nicht selten zur Entstehung von keratinozytärem Hautkrebs, der häufigsten Krebsart bei hellhäutigen Menschen weltweit. Keratinozytärer Hautkrebs tritt mittlerweile nicht nur bei alten, sondern auch bei jungen Menschen auf und bildet deshalb einen Schwerpunkt des Deutschen Hautkrebskongresses.
Die oberflächlichen aktinischen Keratosen stellen krebsartige Veränderungen dar, die in der Oberhaut bleiben, deshalb keine Absiedlungen bilden und einer Vielfalt an Behandlungsmöglichkeiten von außen zugänglich sind. Die Therapie richtet sich danach, ob einzelne Hautveränderungen vorliegen oder ob diese multipel sind und in Form einer Feld-Kanzerisierung in Erscheinung treten. Die Behandlung kann mit verschiedenen Wirkstoffen in Form von Cremes oder in der Kombination von aufzutragenden Wirkstoffen und einer speziellen Lichttherapie bestehen. Weiterhin können Vereisungen oder oberflächliche tangentiale Abtragungen erfolgen. Die Notwendigkeit der Behandlung der aktinischen Keratosen ergibt sich aus dem Risiko, dass sich diese zu invasivem Hautkrebs weiterentwickeln können (Risiko zwischen 0,025 und 16 %). Untersuchungen aus Deutschland zeigten: bei den 60- bis 70-jährigen Männern sind 16,36 % und bei den Frauen 6,29 % betroffen. Ein erheblich erhöhtes Risiko für die Ausbildung von aktinischen Keratosen und Plattenepithelkarzinomen haben Menschen nach einer Organtransplantation und bei Erkrankungen der Abwehrzellen des Blutes.

v.l.: Prof. Dr. med. Friedegund Meier, Wissenschaftliche Leitung des ADO-Kongresses; Prof. Dr. med. Dirk Schadendorf, 1. Vorsitzender der ADO; Prof. Dr. med. Stefan Beissert, Tagungspräsident; Dr. med. Jan Maschke, Tagungsleitung

(Fotos: privat)

Wenn bereits ein invasives Platten­epithelkarzinom der Haut vorliegt, sollte immer die Option einer Operation geprüft werden. Das Platten­epithelkarzinom ist ein bösartiger Tumor, der von der Oberhaut ausgeht, die Haut lokal schädigt und zu Absiedlungen in andere Organe führen kann. Die Gefahr von Metastasen durch das Plattenepithelkarzinom der Haut wird immer noch unterschätzt, sodass Hautärzte vermehrt mit Menschen konfrontiert sind, bei denen eine Operation nicht mehr möglich erscheint oder wo es schon zu bösartigen Absiedlungen in andere Organe gekommen ist. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse haben es erst kürzlich ermöglicht, dass durch den Einsatz von Immun-Checkpoint-Inhibitoren (PD-1-Antikörpern) sogar noch in dieser lebensbedrohlichen Situation eine Besserung für die Betroffenen mit metastasierten Plattenepithelkarzinomen erreicht werden konnte, obwohl Chemotherapie und andere Strategien bereits versagt hatten.


Patienten mit Basalzell­kar­zi­nom werden immer jünger


Eine zweite Form des invasiven keratinozytären Hautkrebses ist das Basalzellkarzinom, die häufigste Form des keratinozytären Hautkrebses in unseren Breiten. Rund 85 % der Menschen in Deutschland, bei denen erstmals ein heller Hautkrebs festgestellt wird (das sind 130.000 bis 230.000 pro Jahr), sind hiervon betroffen. „Die jüngste Patientin, die wir dieses Jahr in Dresden wegen eines Basalzellkarzinoms im Gesicht hier in Dresden operieren mussten, war erst 26 Jahre alt“, so Maschke, Tagungsleiter des Hautkrebskongresses und operativer Oberarzt der Dresdener Universitätshautklinik.
Wenn ein Subtyp des ganz oberflächlich wachsenden Basalzellkarzinoms vorliegt, können wie bei den aktinischen Keratosen bestimmte Wirkstoffe in Cremeform eingesetzt werden. Liegen jedoch knotig oder vernarbend wachsende Basalzellkarzinome vor, so muss die Möglichkeit der Operation geprüft werden. Obwohl meist operabel, gibt es auch eine nicht zu vernachlässigende Zahl an Patienten, bei denen eine Operation und/oder eine Bestrahlung nicht mehr medizinisch sinnvoll ist. Hier können dann, dank neuester medizinischer Erkenntnisse, zielgerichtete Wirkstoffe derart eingesetzt werden, dass sie lebenswichtige Signalwege im Basalzellkarzinomzellen unterbinden. Die beiden Signal-Hemmer Vismodegib und Sonidegib wurden in Studien erprobt und neueste Erkenntnisse zu ihren Einsatzmöglichkeiten, Wirkungen und Nebenwirkungen werden auf dem diesjährigen Hautkrebskongress diskutiert.


Immun-Checkpoint-Inhibitoren gegen Merkelzellkarzinom


Eine seltene, jedoch zunehmend diagnostizierte Hautkrebsform ist das Merkelzellkarzinom, ein sehr aggressiv wachsender Hauttumor mit einem hohen Risiko der Bildung von Lymphknoten- und Organmetastasen. Patienten, bei denen diese Form des Hautkrebses gestreut hat, erfahren durch die klassische Chemotherapie meist nur eine kurzzeitige Hilfe und erleiden früh Rückfälle. Eine Reihe von aktuellen Forschungsergebnissen zeigen, dass Immun-Checkpoint-Inhibitoren wie PD-1- oder PD-L1-Antikörper eine hoffnungsvolle Behandlungsstrategie für Patienten mit metastasiertem Merkelzellkarzinom darstellen.
Die Besprechung der neuesten Studien, Studienergebnisse und von Möglichkeiten der Einbindung von molekularbiologischen Technologien bei der Diagnostik und Therapie der unterschiedlichen Formen des nicht-melanozytären Hautkrebses waren integraler Bestandteil der Tagung, die von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (ADO) und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) veranstaltet wurde. Außerdem wurden neue Entwicklungen zur Hautkrebsfrüherkennung und zur Nachsorge vorgestellt. u

Weitere Informationen zum 26. Deutscher Hautkrebskongress der ADO unter www.ado-kongress.de.

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