Raus aus dem toten Winkel

Hautkrebs-Aufklärung Wenn Hautkrebs nicht nur die Haut trifft – zu Risiken und Nebenwirkungen für das größte Organ des Menschen fanden am 16. April und am 2. Mai 2018 öffentliche Veranstaltungen statt. Wie viel Luft nach oben hier noch besteht, berichtet Christine Schüller für DERMAforum.

Prof. Dr. med. Percy Lehmann, Herbert Reul, Christine Schüller,  Prof. Dr. med. Petra Thürmann, Dr. Niklas Cruse  (Foto: SHG Haut e.V. / Helios Klinikum Wuppertal)
Prof. Dr. med. Percy Lehmann, Herbert Reul, Christine Schüller, Prof. Dr. med. Petra Thürmann, Dr. Niklas Cruse (Foto: SHG Haut e.V. / Helios Klinikum Wuppertal)

Hauterkrankungen liegen im medialen und gesundheitspolitischen toten Winkel – anders als etwa Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Brustkrebs. Bei diesen Leiden gibt es groß angelegte Forschungsvorhaben, strukturierte Behandlungsprogramme und eine intensive Berichterstattung. Selbst der Hautkrebs, mit weit über 200.000 Neuerkrankungen jährlich die häufigste onkologische Erkrankung in Deutschland, bleibt im Schlagschatten des öffentlichen Interesses. Die Folgen sind fatal.
Dagegen stellen sich die Selbsthilfegemeinschaft Haut (SHG Haut) und NRW-Innenminister Herbert Reul, der sich seit Jahren als Schirmherr für die Selbsthilfegemeinschaft einsetzt. Am 16. April 2018 warben Selbsthilfe und Minister öffentlichkeitswirksam für das Hautkrebs-Screening. Den Termin hatten sie bewusst gewählt: Er lag im Vorfeld der Veranstaltung „Wenn Hautkrebs nicht nur die Haut trifft“, die am 2. Mai in Wuppertal stattfand – und ganz im Zeichen der Prävention von Hautkrebserkrankungen stand.

200.000 neue Tumore jährlich


Prof. Dr. med. Percy Lehmann, Chefarzt der Dermatologie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal, betonte auf der Pressekonferenz, dass Hautkrebs die häufigste Tumorart überhaupt sei. Die Neuerkrankungsraten sind alarmierend hoch – und steigen stetig. Jährlich verzeichnen die Krebsregister deutschlandweit etwa 18.000 neue maligne Melanome (schwarzer Hautkrebs) und über 200.000 Neuerkrankungen an nicht melanocytären Hauttumoren (heller Hautkrebs). Lehmann wies darauf hin, dass „maligne Melanome auch schon in jüngerem Lebensalter vorkommen, während Basaliome und Spinaliome Erkrankungen des mittleren bis fortgeschrittenen Erwachsenalters sind“.
Um den Trend steigender Neu­erkrankungen zu stoppen, muss die Frühaufklärung über Hautkrebs intensiviert werden. „Wir sollten das Thema in Schulen und auch in die Kindergärten hineintragen“, regte Klinikgeschäftsführer Dr. ­Niklas Cruse an. Dies sei nicht nur aus medizinischer Sicht sinnvoll, sondern auch aus ökonomischer. Denn rechtzeitige Prävention sei für das Gesundheitssystem günstiger, als am Ende teure Therapien zu zahlen, sagte Prof. Dr. med. Petra Thürmann, ärztliche Direktorin des Klinikums.


Screening beim Hausarzt


Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2016 für Psoriasis gehen rund 40 Prozent der Betroffenen erst zu ihrem Hausarzt. Die Erfahrungs­berichte der Patienten weisen oft eine lückenhafte Untersuchung auf. Das Hautkrebs-Screening wird oft beim zweijährlichen „Check-up“ mit abgehandelt. Eine intensive Hautuntersuchung lässt das vorhandene Zeitfenster in diesen Fällen kaum zu. Gerade die intimen Bereiche, die behaarte Kopfhaut sowie Fußsohlen erhalten wenig bis gar keine Beachtung. Berichte beinhalteten teils sogar ein Hautkrebs-Screening ohne ein vollständiges Entkleiden.
Bei einem Verdachtsfall wird zu einem „Chirurgen“ überwiesen, zu selten direkt zu einem Dermatologen oder zu einem Hautkrebszentrum. Der Folgetermin beim Facharzt ist oftmals nicht zeitnah, was gerade für die Diagnose malignes Melanom von großer Bedeutung wäre.

 

„Ziel muss es sein, die regelmäßige Eigenuntersuchung als Baustein zur Prävention des Hautkrebses zu etablieren. Und den Menschen klarzumachen, dass Schutz vor der Sonne so selbstverständlich sein muss wie das zweimal tägliche Zähneputzen.“


Screening beim Dermatologen


Patienten, die sich aufgrund ihrer Dermatose in regelmäßiger ärztlicher Behandlung befinden, erhalten das Hautkrebs-Screening oder fordern es selber ein. Patienten in Beratungsgesprächen beklagen sich hier über Wartezeiten von teils mehreren Monaten und das Anbieten von Selbstzahler-Leistungen – verbunden mit dem Hinweis auf die Defizite des regulären Hautkrebs-Screenings, was der Verunsicherung Tür und Tor öffnet. Eine intensive Hautuntersuchung erleben auch hier nicht alle Patienten. Auch beim Dermatologen können intime Bereiche, die behaarte Kopfhaut sowie Fußsohlen, aber auch die Mundschleimhaut wenig bis gar keine Beachtung erhalten. Bei schwerwiegenden Verdachtsfällen wie großflächigen Basaliomen oder aktinischen Keratosen überweisen Dermatologen zu selten direkt zu einem Hautkrebszentrum. Ebenso fehlt mitunter bei der Diagnose eines malignen Melanoms der Hinweis darauf, weitere Fachärzte zu konsultieren, vor allem einen Augenarzt.


Luft nach oben


Die Äußerungen der Veranstaltungsbesucher in Wuppertal und Erfahrungen aus vielen Beratungsgesprächen der Selbsthilfe zeigen zudem: Das Screening allein reicht nicht aus, um ausreichend für die Risiken im Kontext von Hautkrebserkrankungen zu sensibilisieren – und damit verpufft ein großer Teil des präventiven Potenzials der Reihenuntersuchung. Ergänzend wäre eine flankierende Aufklärungskampagne des Bundesministeriums für Gesundheit oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nötig.
Denn die Akzeptanz des Hautkrebs-Screenings ist niedrig. Vorsorgeuntersuchungen im Zusammenhang von Darmkrebs oder Brustkrebs wurden mit großen Kampagnen eingeführt. Zudem ziehen die Akteure an einem Strang – während es beim Hautkrebs meist bei kleineren Einzelaktionen geblieben ist. Das reicht leider nicht. Ziel muss es sein, die regelmäßige Eigenuntersuchung als Baustein zur Prävention des Hautkrebses zu etablieren. Und den Menschen klarzumachen, dass Schutz vor der Sonne so selbstverständlich sein muss wie das zweimal tägliche Zähneputzen.
Deutlich zutage treten weitere Defizite: Von der Diagnose über die Therapien bis hin zur Krankheitsbewältigung entstehen bei Betroffenen große Ängste, die sie kaum allein bewältigen können. Auch Angehörige zeigen sich überfordert. Verunsichert reagiert das soziale und berufliche Umfeld auf eine Hautkrebs-Diagnose. Spezifische Strategien, Hilfen und Netzwerke sind gefragt, um die sozialen und psychischen Probleme ausgleichen zu können, die zusätzlich zu der belastenden medizinischen Therapie auftreten.


Psychosoziale Auswirkungen


Psychosoziale Aspekte spielen derzeit in der Hautkrebstherapie eine marginale Rolle. Die Erfahrungen in der Selbsthilfe-Arbeit dagegen zeigen, dass besonders Menschen, die an einer gut sichtbaren Hauterkrankung leiden, sich teils extrem isolieren. Dies geht bisweilen so weit, dass Betroffene ihre sozialen Kontakte auf den Arztbesuch und zwingend notwendige Erledigungen beschränken. Austausch mit anderen: Fehlanzeige. Gerade der Umgang mit den pathologisch veränderten Körperstellen spielt eine wichtige Komponente in der Krankheitsbewältigung – und wirkt stark auf das psychische Befinden.
Psychologische Hilfe könnte dem Rückzug und seelischen Störungen der Hauterkrankten entgegenwirken.


Mehr Aufklärung


Bei der Diagnose eines Basalzellkarzinoms verstehen Patienten oft nur ein Wort: Krebs. Hier ist eine ausführliche Aufklärung nötig, um der Angst des Betroffenen entgegenzutreten. Das ist auch wichtig im diagnostischen Frühstadium, also vor der Auswertung der Biopsie. Denn viele Patienten vertrauen ansonsten allein auf die Informationen von „Dr. Google“ – was noch mehr Fragen und Ängste zur Folge hat.
Hier wären verständliche und individuelle Informationen zu den unterschiedlichen Hautkrebserkrankungen für Patienten und Angehörige mehr als nur eine Hilfestellung. Sie sollten sich an folgenden Fragen orientieren:

  • Was bedeutet es, an einer aktinischen Keratose, einem Basaliom, einem Plattenepithelkarzinom oder malignem Melanom zu erkranken?
  • Was bedeutet es, eine seltene Hautkrebserkrankung zu haben? Wie verlaufen diese seltenen Erkrankungen?
  • Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
  • Wie sage ich es meinen Angehörigen, Freunden und Kollegen?
  • Wie kann ich als Angehöriger die Therapie unterstützen?

Das Hautkrebs-Screening darf keine Selbstzahler-Leistung werden, die Personengruppen wie etwa Geringverdiener ausschließt. Der Zugang zu solchen Vorsorgeuntersuchungen muss für jeden Patienten zugänglich sein, unabhängig von der wirtschaftlichen und persönlichen Situation. Dies kann nur durch eine entsprechende Kostenübernahme sichergestellt werden. Ein Arzt darf die Basis einer Entscheidung in Bezug auf eine Behandlungs- bzw. Vorsorgemethode zu keinem Zeitpunkt auf persönlich wirtschaftliche Belange aufbauen – und sich deswegen für die eventuell ineffektivere Methode entscheiden. Eine Zweiklassenpolitik muss in diesem Modell ausgeschlossen sein. Nötig ist zudem eine detaillierte Aufklärung über die Hautkrebserkrankungen und deren Folgen. Chirurgische Eingriffe zum Beispiel führen zu einer subjektiv empfundenen „Entstellung“. Patienten und Angehörige klagen ganz häufig darüber, dass sie nicht in der Lage sind, Operationswunden zu betrachten. Sie berichten von Ekelempfindungen und Ablehnung des eigenen Körpers. Hier könnte die Selbsthilfe eine große Rolle spielen. Denn sie kann

  • Patienten den Umgang mit der Erkrankung erleichtern;
  • stärken und aus ihrer Isolation herausholen, indem sie das Gefühl vermittelt: Ich bin nicht alleine;
  • einen besseren Einblick in die verschiedenen Hautkrebserkrankungen und vor allem deren Therapien geben.

Natürlich muss die Selbsthilfe wiederum in die Lage versetzt werden, diese Rolle auch ausfüllen zu können. |

 

Fazit

  1. Die Erkenntnisse aus der Veranstaltung in Wuppertal und die Befragungsergebnisse sind natürlich selektiv.
  2. Doch sie deuten sehr stark darauf hin, dass generell eine Notwendigkeit für das Hautkrebs-Screening gesehen wird – aber erst, wenn sich die Menschen als Patienten verstehen.
  3. Erst wenn die Hauterkrankungen aus dem medialen und gesundheitspolitischen Schlagschatten kommen, wird die Haut über den ästhetischen Blickwinkel hinaus in der Gesellschaft wahrgenommen.

Info    Großer Informationsbedarf
Mehr als 150 Besucherinnen und Besucher kamen zu der Veranstaltung zum Thema Hautkrebs am 2. Mai 2018 in Wuppertal. Dabei fokussierten sich die Fragen nach den Vorträgen mehr und mehr auf den richtigen Sonnenschutz und vor allem das Hautkrebs-Screening. Das Screening wurde im Juli 2008 eingeführt. Gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren haben demnach alle zwei Jahre einen Anspruch auf eine Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs. Mehr als 13 Millionen Versicherte sollen bereits am Screening teilgenommen haben.
Doch wie kommt es bei den Menschen an? Ende 2017 führte die Selbsthilfegemeinschaft Haut e. V. eine nichtrepräsentative Umfrage durch – und zwar online (Website der Selbsthilfe Akne inversa) und über Social Media (Facebook-Auftritt der Selbsthilfegruppen für Psoriasis, Acne inversa. Hidradenitis suppurativa, Akne und unreine Haut, Neurodermitis und allgemeine Hauterkrankungen). An der Umfrage nahmen 34 Personen teil, die Mehrzahl Frauen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren. Gut die Hälfte der Befragten verfügte über einen Hochschulabschluss.
Auf die Frage, wer den Teilnehmern ein Hautkrebs-Screening empfahl, antworteten 26 Teilnehmer, die Maßnahme von einem Arzt empfohlen bekommen zu haben. Drei Teilnehmer gaben an „sich selbst“ dazu bewogen zu haben und ein Teilnehmer gab an, sich durch allgemeine Informationen dazu entschieden zu haben. Ein weiterer gab an, dass die Familie den Anstoß gab und eine zweite Person sagte aus, durch die Website akne-inversa.org dazu bewogen worden zu sein. So kann man festhalten, dass der überwiegende Teil das Screening von Ärzten unterschiedlichster Fachrichtungen empfohlen bekommen hatte.

Kontakt:


Christine Schüller
Bundesvereinigung Haut
Neustr. 27 a
42799 Leichlingen
Tel.: 0 21 75 / 16 72 31
www.bv-haut.de / www.shg-haut.de

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