Mehr Asthma- als Verkehrstote

Allergieexperten schlagen Alarm Obwohl die Allergieforschung in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Erkenntniszuwachs erlangt hat, erhält ein großer Teil der allergischen Patienten in Deutschland gar keine oder keine angemessene Behandlung.

Mehr Asthma- als Verkehrstote in Deutschland: und dies, obwohl Allergien, wenn sie frühzeitig dia­gnostiziert und adäquat behandelt werden, zum großen Teil heilbar sind. „Diese Kluft muss dringend geschlossen werden“, fordern Prof. Dr. med. Thomas Werfel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e. V. (DGAKI), Prof. Dr. med. Ludger Klimek, Präsident des Ärzteverbands Deutscher Allergologen (AEDA) und Prof. Dr. med. Christian Vogelberg, Präsident der Gesellschaft für Pä­diatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Die drei Mediziner sind die Herausgeber des „Weißbuch Allergie“, das inzwischen in der vierten Auflage erschienen ist.
„Wir hoffen, dass das Weißbuch (…) dazu beitragen wird, Verantwortliche in gesundheitspolitischen Entscheidungsgremien wach zu rütteln, um die Situation der Betroffenen und ihrer Familien in Deutschland endlich entscheidend zu verbessern“, so die Allergieexperten.


Trivialisierung der Krankheit


Eine Ursache der unbefriedigenden Situation ist unter anderem die Trivialisierung der Krankheit – zu Unrecht, denn Allergien können durchaus tödlich enden. So übersteigt die Zahl der Todesfälle durch allergisches Asthma bronchiale hierzulande die Zahl der Verkehrstoten. Außerdem beeinträchtigen Allergien die Lebensqualität massiv und können die berufliche Existenz gefährden:
In 80 Prozent der Fälle ist eine Allergie die Ursache, wenn Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen; häufig führt sie auch im fortgeschrittenen Arbeitsleben zur Aufgabe von Allergiker gefährdenden Tätigkeiten. Überdies führen sie zu deutlichen sozioökonomischen Benachteiligungen und Belastungen.
Zunehmend auch ältere Patienten jenseits der 70
Während man noch vor 30 Jahren Allergien als Krankheiten von Kindern und Jugendlichen einordnete und allergische Erkrankungen bei Menschen über 50 Jahren seltener beobachtete, sind heute zunehmend auch ältere Patienten jenseits des 70. Lebensjahres von klassischen allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis betroffen.


Keine wesentlichen Änderungen


„Leider muss 18 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage des Weißbuchs festgestellt werden, dass sich zwar die allergischen Erkrankungen weiter ausgebreitet haben, mit immer schwereren Erkrankungsformen und komplexeren Krankheitsverläufen, dass Allergien zunehmend auch Kleinkinder und ältere Menschen erfassen, sich aber in der Struktur der Versorgung nichts Wesentliches zugunsten der Betroffenen verändert hat“, schreiben die Experten. So hätten im Gegenteil jüngste Veränderungen im Gesundheitswesen die Situation dramatisch verschlechtert. Mit den derzeitigen Erstattungsmöglichkeiten sei die sachgerechte Versorgung al­lergiekranker Menschen in Dia­gnostik und Therapie in Deutschland unmöglich geworden.

 

Prof. Dr. med. Thomas Werfel (l) und Prof. Dr. med. Ludger Klimek (r) (Fotos:  privat)

 

 

Zentrale Forderungen
Drei zentrale Forderungen der Al­lergieexperten zur Verbesserung der Versorgungssituation lauten:
Die Aufnahme der „Allergologie“ als Pflichtfach und im Prüfungskatalog des Medizinstudiums und Etablierung einer qualifizierten ärztlichen Weiterbildung in Deutschland,
die Etablierung erfolgreicher Präventionsprogramme durch profunde Kenntnisse bereits in der hausärztlichen Primärversorgung und
die Entwicklung langfristig ausgerichteter Versorgungskonzepte für Allergiker analog der etablierten Disease-Management-Programme für chronisch kranke Menschen.
Nur zehn Prozent der Betroffenen erhalten adäquate Therapie
So ergab eine Studie der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland, dass nur etwa zehn Prozent der allergischen Patienten eine adäquate Therapie erhielten. Nach Ansicht der Mediziner liegt dies unter anderem an Mängeln im Medizinstudium. Denn trotz der steigenden Zahl der Allergiker ist die Allergologie weder ein Pflicht- noch ein Prüfungsfach im Medizinstudium. Das hat zur Folge, dass entsprechende Lehrstühle in Deutschland nicht vorhanden sind und die großen Fortschritte der Allergieforschung nicht bei allen Patienten in Deutschland ankommen.
Große Sorge macht den Autoren auch die von den Ärztekammern jüngst beschlossene, drastische Reduktion der Anforderungen zum Erwerb des Zusatztitels Al­lergologie für Ärzte. Denn für eine angemessene medizinische Versorgung solcher Patienten sind gut ausgebildete Allergiespezialisten Grundvoraussetzung. Für die Umsetzung der Forderungen ist die Deutsche AllergieLiga e. V. gegründet worden, deren Ziel die Verbreitung allergologischer Fachkenntnisse ist. „Uns geht es darum, neben den Allergiespezialisten auch Allgemeinmediziner, Apotheker und Ernährungsfachkräfte für die Allergologie zu begeistern. Ganz besonders wichtig sind uns etwa das frühzeitige Erkennen von allergischen Erkrankungen und die nachhaltige Behandlung von Al­lergien, zum Beispiel durch die al­lergenspezifische Immuntherapie, aber auch Patientenschulungen und eine Übernahme der Kosten für Antiallergika durch die Krankenkassen“, so die AllergieLiga-Gründer Werfel und Klimek. Auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse könne die Deutsche AllergieLiga e. V. ihre Arbeit nun intensiv ausbauen.                           |ve

 

Kontakt:

Deutsche AllergieLiga e. V.
Geschäftsstelle Hannover
Wiebke Filsinger
c/o Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
Tel.: 0511 – 53 – 894 – 177
Fax: 0511 – 55 – 475 – 891

Originalia:

Weißbuch Allergie in Deutschland

Springer Medizin Verlag GmbH,

überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-89935-312-9
ISBN 978-3-89935-313-6 (eBook)

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