Spezial: Herausforderung für die gesamte Medizin

Kongressbericht Vom 06. bis 08. September 2018 fand in Innsbruck die 52. MYK–Jahrestagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft – gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Medizinische Mykologie – statt. Gabriele ­Henning-Wrobel berichtet für DERMAforum.

Im Mikroskopierkurs bestimmten die Teilnehmer seltene medizinisch relevante Schimmelpilze. (Foto: ghw)
Im Mikroskopierkurs bestimmten die Teilnehmer seltene medizinisch relevante Schimmelpilze. (Foto: ghw)

Aktuelle internationale Forschungsergebnisse der medizinischen Mykologie wurden vom 6. bis 8. September 2018 in Innsbruck präsentiert. Mit einem breiten wissenschaftlichen Programm lud die DMykG e. V. – Deutschsprachige Mykologische Gesellschaft – gemeinsam mit der ÖGMM e. V. – Österreichische Gesellschaft für Medizinische Mykologie zu ihrer 52. Wissenschaftlichen Jahrestagung – der MYK 2018 – ein.
Auf Fragen zu Inhalten der 52. MYK in Innsbruck und was sie besonders auszeichnet, antwortete Prof. Dr. med. Reinhard Würzner als einer von drei Tagungsleitern – neben Prof. Dr. med. Cornelia Speth und PD Dr. med. Martin Hönigl – in einem vor der Tagung geführten Interview wie folgt: „Weil es interessante Begegnungen, hochkarätige wissenschaftliche Präsentationen und viel Gelegenheit zum persönlichen mykologischen Erfahrungsaustausch geben wird. Dies schätzen die Teilnehmer sehr.
Weil wir einen Mikroskopierkurs zum Thema ,Seltene medizinisch relevante Schimmelpilze‘ anbieten.
Der Kurs besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil und beinhaltet u. a. Erreger wie Exophiala, Fusarium, Lomentospora, Ramsamsonie, Mucorales und Scedosporium. Weil wieder interessante Preise wie der Forschungsförderpreis und der Nachwuchsförderpreis ausgeschrieben werden. Ebenso findet der beliebte Fotowettbewerb statt und lädt alle Teilnehmer ein, mitzumachen und ihre spannendsten Pilzfotos einzureichen. Weil der Standort Innsbruck in Tirol in sehr schöner Landschaft liegt und gleichermaßen traditionell, modern und attraktiv ist.“

 

„Weil es interessante Begegnungen, hochkarätige wissenschaftliche Präsentationen und viel Gelegenheit zum persönlichen mykologischen Erfahrungsaustausch geben wird. Dies schätzen die Teilnehmer sehr.“


Seine Antworten trafen während der Tagung voll zu und wurden noch übertroffen, weil Wissenschaftstransfer und Networking im besten Sinne stattfanden. Es wurden Kontakte geknüpft, Ideen ausgetauscht und neue Perspektiven eröffnet.

 

Mehr als 200 Mykologen


Mehr als 200 Mykologen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und weiteren europäischen Ländern informierten sich über Themen zur Prävention, Klinik, Diagnostik und Therapie oberflächlicher und invasiver Pilzinfektionen. Dies waren u. a. Pathogenitätsfaktoren und Virulenz, Mykobiome, Interaktion zwischen Wirt und Pilz ebenso wie Innenraum- und Umweltmykologie, Taxonomie, Epidemiologie und Typisierung. Erkrankungen durch Pilze stellen eine Herausforderung für die gesamte Medizin dar. Als interdisziplinäre Gesellschaften bilden die DMykG und die ÖGMM bedeutende wissenschaftliche und organisatorische Plattformen für Krankenversorgung, Forschung, Weiterbildung, Lehre und Vernetzung. Zur Förderung der mykologischen Forschung und insbesondere des wissenschaftlichen Nachwuchses schreiben die Gesellschaften jährlich diverse Preise aus.

Prof. Dr. med. Dieter Buchheidt (r.), Vorsitzender der DMykG e. V., überreicht die Urkunde des mit 5.000 Euro dotierten Forschungsförderpreises an den Preisträger 2018 – PD  Dr. med. Johannes Wagener (l.). (Foto: ghw)
Prof. Dr. med. Dieter Buchheidt (r.), Vorsitzender der DMykG e. V., überreicht die Urkunde des mit 5.000 Euro dotierten Forschungsförderpreises an den Preisträger 2018 – PD Dr. med. Johannes Wagener (l.). (Foto: ghw)

Forschungsförderpreis für das Thema: „Zellwand als Angriffspunkt antimykotischer Therapien“


Wie werden die Zellwand und die Zellwandbiosynthese pathogener Pilze unter Stress – zum Beispiel unter dem Einfluss von Antimykotika – reguliert? Dieser Frage ging PD Dr. med. Johannes Wagener, Würzburg, nach und erhielt dafür den mit 5.000 Euro dotierten Forschungsförderpreis der DMykG e. V.
Die Preisverleihung fand im Rahmen der 52. Wissenschaftlichen Jahrestagung in Innsbruck statt. Wagener ist seit Jahren wissenschaftlich auf dem Gebiet der medizinischen Mykologie aktiv und gilt als anerkannter Experte auf dem Gebiet der Zellwandbiologie des humanpathogenen Erregers Aspergillus fumigatus.
Weiterhin wurden der Nachwuchsförderpreis der DMykG e. V. – gestiftet von MSD – sowie ein Publikationspreis, drei Posterpreise der DMykG-Stiftung und ein Posterpreis des Innsbrucker Doktoratsprogramms HOROS (Host Response in Opportunistic Infections) verliehen.
Angesichts der Bedeutung und Zunahme systemischer Mykosen hat die molekulare Diagnostik längst Einzug gehalten und ermöglicht die Bestimmung der Virulenz von Pilzen und deren Verhältnis zum Menschen, das als Host-Fungus-Relationship bezeichnet wird.


Mikroskopierkurs bot besonders Einblicke


Der von Prof. Dr. rer. nat. ­Michaela Lackner, Innsbruck, und Prof. Dr. med. Birgit Willinger, Wien, geleitete Mikroskopierkurs bot besondere Einblicke in „Seltene medizinisch relevante Schimmelpilze“. In einem theoretischen und einem praktischen Teil wurden die Pilze mikroskopisch und makroskopisch von den Teilnehmern begutachtet und bestimmt.


Nicht immer ist es Microsporum canis


Ein Poster von Dr. rer. nat. ­Cornelia Wiegand et al., Jena, zeigte den Fall eines dreijährigen Mädchens mit zunächst unklaren Hautveränderungen am Kopf. Zweifellos stellt bei Kindern die Hauterkrankung Tinea capitis eine besondere He­rausforderung dar. Zwar gilt Microsporum canis als der häufigste Erreger, andere zoophile Dermatophyten wie Trichophyton benhamiae und Trichophyton quinckeanum werden zunehmend beobachtet und von Katzen, Hunden, Kaninchen, Pferden und Mäusen übertragen. Eine topische Therapie blieb erfolglos. Aufgrund der Verdachtsdiagnose Tinea capitis wurde eine kombinierte lokale und systemische Therapie eingeleitet. In der parallel durchgeführten Diagnostik konnte Kerion Celsi verursacht durch Trichophyton quinckeanum nachgewiesen werden. Ein individueller Heilversuch mit Fluconazol Saft kombiniert mit Ciclopirox lokal war erfolgreich.
Eine erste Besserung zeigt sich nach drei Wochen. Insgesamt wird eine Behandlungsdauer von acht Wochen empfohlen.


Candida auris – zum Stand der Dinge


In seinem Vortrag zum Thema „Candida auris in Germany“ blendete PD Dr. med. Axel Hamprecht, Köln, kurz zurück auf das Jahr 2016. Das Center of Disease Control meldete eine weltweite Ausbreitung des Erregers Candida auris. Die dadurch verursachten nosokomialen Infektionen seien schwer zu behandeln, weil die meisten Isolate Resistenzen gegen Fluconazol und teilweise auch gegenüber Echinocandinen aufweisen. Zudem sei die Bestimmung ungenau, da die dia­gnostischen Systeme den Keim nicht zuverlässig identifizieren können. Der Hefepilz verursacht schwere invasive Mykosen und geht mit einer Mortalitätsrate von 30 bis 60 % einher. Hamprecht untersuchte die ersten in Deutschland aufgetretenen Fälle von Candida auris auf klinische Merkmale bei infizierten Patienten. Bis zum Frühjahr 2018 wurden dem Nationalen Referenzzentrum Mykologie in Jena sieben Fälle mit Candida auris Infektionen gemeldet. Dabei handelte es sich überwiegend um Patienten, die zu medizinischen Behandlungen nach Deutschland eingereist waren und zuvor im Herkunftsland wegen unterschiedlicher Grunderkrankungen bzw. Verletzungen behandelt worden waren. Hamprecht ließ keinen Zweifel daran, dass Candida auris in Deutschland angekommen ist. Die Anzahl der Fälle ist jedoch im Vergleich zu Großbritannien, USA oder Indien sehr gering. Ein Ausbruch der Infektion ist hierzulande bislang nicht bekannt geworden. „Möglichweise wird die Prävalenz von C. auris unterschätzt, da es keine kommerziell verfügbaren Systeme zur Identifizierung des Erregers gibt“, resümierte Hamprech

Prof. Dr. med. Gabriele Ginter-Hanselmayer bedankt sich für die Ehrenmitgliedschaft der ÖGMM. (Foto: ghw)
Prof. Dr. med. Gabriele Ginter-Hanselmayer bedankt sich für die Ehrenmitgliedschaft der ÖGMM. (Foto: ghw)

Info

 

Ehrenmitgliedschaft der ÖGMM für Frau Professor Gabriele Ginter-Hanselmayer

 

Für ihre besonderen Verdienste und Leistungen in der medizinischen Mykologie wurde Prof. Dr. med. Gabriele Ginter-Hanselmayer, Graz, die Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Gesellschaft für Medizinische Mykologie verliehen. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in der Klinik für Dermatologie in Graz Expertin für Dermatomykologie und bildet mit großem Engagement und außerordentlicher Expertise Studierende und Ärzte fort. Ihre Schwerpunkte sind Tinea Capitis, Onychomykosen, Kandidosen der Haut, der Nägel und der Vagina. Ginter-Hanselmayer veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, hielt weit mehr als 400 Vorträge im In- und Ausland und führte eine große Anzahl mykologischer Fortbildungskurse durch. In Innsbruck präsentierte Ginter-Hanselmayer einen historischen Rückblick auf Hautpilzerkrankungen von der Antike bis in das 19. Jahrhundert. Die Dermatomykologie gewann erst an Bedeutung, nachdem sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass Krankheiten durch Zellveränderungen verursacht werden. Die Geschichte der Mykologie im deutschsprachigen Raum nach 1945 ist in einem Sonderheft des Mykologie Forums 2018 erschienen und über die Homepage der DMykG www.dmykg.de frei zugänglich.

Pilzkeratitis durch Kontaktlinsen


Dass Kontaktlinsen eine Quelle für Infektionen des Auges sein können, zeigte Professor Dr. med. Oliver Kurzai, Würzburg/Jena. Insbesondere bei unsachgemäßer Anwendung und mangelnder Hygiene können Schimmelpilze die Hornhaut angreifen und eine gefährliche Pilzkeratitis verursachen.
Mehr als drei Millionen Erwachsene in Deutschland tragen Kontaktlinsen, so das Institut für Demoskopie in Allensbach. Den meisten ist das Infektionsrisiko gar nicht bewusst.
Allein am NRZMyk (Nationales Referenzzentrum Mykologie in Jena) wurden 2017 in einen Zeitraum von 12 Monaten 30 Fälle von kontaktlinsenassoziierter Keratitis nachgewiesen.
Es handelt sich hierbei um eine sehr schwerwiegende Form der Hornhautentzündung, die eine Rötung des Auges, Schmerzen und eine Sehverschlechterung nach sich zieht und umgehend behandelt werden muss. Kurzai betonte, dass es sich hierbei oftmals um hochresistente Erreger handelt, die gegenüber einigen der verfügbaren Antimykotika nicht sensibel und deshalb schwer therapierbar sein können.
Das NRZMyk hat gemeinsam mit der Augenklinik des Universitätsklinikums Düsseldorf ein nationales Register für Pilzkeratitiden eingerichtet (www.pilzkeratitis.de). „In diesem Register wollen wir klinische Informationen zu Pilzkeratitiden in Deutschland erfassen.
Unter anderem soll analysiert werden, welche Therapien besonders erfolgreich sind und mit welchen Erregern wir es überhaupt zu tun haben“, erklärte Kurzai. Ziel ist es, künftig bessere Empfehlungen zur Vermeidung solcher Infektionen und zu ihrer Behandlung geben zu können. Dazu erfolgt am Referenzzentrum eine umfassende molekularbiologische und mikrobiologische Charakterisierung aller Erreger. Die beteiligten Ärzte sind sich einig, dass dringend mehr Informationen zu diesen gefährlichen und schlecht zu behandelnden Infektionen benötigt werden. „Nach allem was wir wissen, kann durch eine konsequente Einhaltung von Hygieneregeln im Umgang mit Kontaktlinsen und Spülflüssigkeit das Infektionsrisiko für Kontaktlinsenträger erheblich gesenkt werden – und das ist gerade bei Pilzinfektionen wegen der oft dramatischen Folgen für die Patienten ungeheuer wichtig.“

Kontakt
Gabriele Henning-Wrobel
Im Niederfeld 20, 59597 Erwitte
Tel.: 029 43 - 48 68 80 o. 48 6881
Fax: 029 41 - 76 10 10
Mobil: 01 71 - 48 18 886

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