Spezial Neurodermitis: Stellenwert des Atopischen Ekzems im Kindesalter

Atopischen Marsch rechtzeitig durchbrechen!

Dr. med. Arnd Jacobi und Prof. Dr. med. Matthias Augustin vom Competenzzentrum Versorgungsforschung in der Dermatologie (CVderm), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erläutern die Ergebnisse von verschiedenen Datenanalysen anhand von Patientendaten der gesetzlichen Krankenversicherungen.

Das Atopische Ekzem (Neurodermitis) ist eine chronische, rezidivierende, häufig schubweise verlaufende, nicht kontagiöse Dermatose. Morphologie und Lokalisation sind altersabhängig verschieden. Die Hauterscheinungen des Atopischen Ekzems unterscheiden sich je nach Stadium (akut oder chronisch) und Lebensalter. Im frühen Kindesalter (bis zwei Jahre) sind die Ekzeme meist im Bereich des Gesichtes und der Kopfhaut lokalisiert. Später finden sich häufig Beugenekzeme sowie bei Erwachsenen häufig Handekzeme oder eine Prurigoform. Typische Manifestationen des Atopischen Ekzems stellen auch die folgenden Merkmale dar: Cheilitis, Perleche, Ohrläppchenrhagaden, Mamillenekzem, Pulpitis sicca an den Händen und Füßen. Das Atopische Ekzem geht häufig mit einem starken Juckreiz einher. Abhängig von der Lokalisation und Ausdehnung kann es die Lebensqualität deutlich und zum Teil lebenslang mindern. Eine herabgesetzte Schul- und später Berufsleistung, Schwierigkeiten im sozialen Umfeld und Depressionen können die Folge sein.

Dr. med. Arnd Jacobi und Prof. Dr. med. Matthias Augustin

Wie ist die Prävalenz des Atopischen Ekzems im Kindesalter?


Das Atopische Ekzem stellt in jeder Hautarztpraxis eine der großen Herausforderungen dar. Kinder sind häufig davon betroffen und leiden besonders unter Juckreiz und sozialer Stigmatisierung. Oftmals ist dann die gesamte Familie gefordert, wenn die Kinder nachts nicht schlafen können oder unter den psychischen Belastungen leiden. In einer aktuellen Datenauswertung konnte eindrucksvoll belegt werden, welchen Stellenwert die Erkrankung einnimmt. So wurde bei n=30.354 Kindern (10,35 %) ein Atopisches Ekzem diagnostiziert. Hier minderten sich die Prävalenzraten im Verlauf mit zunehmendem Alter von 17,13 % im Alter von bis zu zwei Jahren auf 7,3 % im Alter von 14 bis 18 Jahren.
Bei der Analyse wurden Daten einer deutschen gesetzlichen Krankenkasse (Barmer GEK) mit 9,2 Millionen Versicherten herangezogen und insgesamt Daten von 1,6 Millionen Versicherten beurteilt. Alle Patienten bis zu einem Alter von 18 Jahren, die im Laufe des Jahres 2009 registriert waren, wurden in die Analyse inkludiert, was zu einer Studienkohorte von n=293.181 Kindern führte.


Welche Begleiterkrankungen sind bei Kindern mit Atopischem Ekzem zu beachten?


Begleiterkrankungen (Komorbidität) stellen für Kinder und Jugendliche eine eminente Belastung dar. Die Patienten befinden sich in einer besonders sensiblen Lebensphase. Erste Beziehungen werden geknüpft und die Persönlichkeit entwickelt sich. Oft ziehen sich die jungen Patienten dann zurück, was nicht selten zur Isolation und einer negativen Prägung für das gesamte Leben führen kann. Dem gilt es durch eine frühzeitige und effektive Therapie vorzubeugen, bei der auch Begleiterkrankungen mit berücksichtigt werden sollten.
Es sollte deshalb untersucht werden, welche Begleiterkrankungen bei Kindern mit Atopischem Ekzem vorliegen. Aus diesem Grund wurden die Daten einer gesetzlichen Krankenkasse analysiert. Dabei zeigten sich die folgenden aufschlussreichen Resultate. Bei Kindern und Jugendlichen mit Atopischem Ekzem traten die folgenden Begleiterkrankungen besonders häufig auf: allergische Rhinitis (19,64 %), chronische Bronchitis (19,04 %) und Impetigo (3,57 %). Das ist im Einklang mit der Erkenntnis, das Atopiker besonders unter Erkrankungen aus dem atopischen Formenkreis leiden. Ein großer Anteil der Patienten weist IgE-vermittelte Sensibilisierungen auf, die mit einer Rhinokonjunktivitis allergica, einem allergischen Asthma bronchiale oder einer klinisch relevanten Nahrungsmittelallergie einhergehen können. Hier ist auf den „Atopischen Marsch“ hinzuweisen, bei dem sich durch einen „Etagenwechsel“ aus einer Rhinokonjunktivitis allergica ein allergisches Asthma entwickeln kann. Außerdem konnte bestätigt werden, dass junge Patienten mit Atopischem Ekzem häufig unter bakteriellen Infektionen der Haut leiden. Hierbei ist vor allem an die durch Staphylokokken verursachte Impetigo contagiosa zu denken.

Gesamtsicht auf die Beine und Detailansicht von einem Arm bei einem Kind mit Atopischem Exzem (Fotos: Jacobi)

Welchen Stellenwert hat die Versorgungsforschung beim Atopischen Ekzem im Kindesalter?


Der Dermatologe fungiert bei der Versorgung des Atopischen Ekzems im Kindes- und Jugendalter als „Gatekeeper“. Er sieht die jungen Patienten oft zuerst bei Vorstellung in der Praxis oder Klinik. Hier ist neben einer leitliniengerechten Ekzemtherapie auf weitere Versorgungsmaßnahmen zu achten, so bei Rhinokonjunktivitis allergica zum Beispiel auf die Verhinderung des beschriebenen „Etagenwechsels“. Bei Bedarf sollte hier mit einem Lungenfacharzt zusammengearbeitet werden. Die Kooperation zwischen den verschiedenen Facharztgruppen weiter zu fördern, wird eine wichtige Aufgabe der Versorgungsforschung sein. Dabei sei der interdisziplinäre Austausch mit Haus- und Kinderärzten besonders hervorzuheben. Die Therapie des Atopischen Ekzems und ihrer Begleiterkrankungen erfordert somit eine qualifizierte medizinische Betreuung. Die Prävention, die zum Beispiel im Rahmen von Neurodermitisschulungen erfolgt, spielt in diesem Zusammenhang eine weitere herausragende Rolle und die Erkenntnisse sind bei der Weiterentwicklung der Leitlinie zur Diagnose und Therapie des Atopischen Ekzems zu berücksichtigen.

Aktuelle Ausgabe

Hier geht es zur Archiv Anmeldung

Hier finden Sie frühere Ausgaben von DERMAforum