Spezial: 50. MYK 8. bis 10. September 2016 in Essen

Von Streicheleinheiten zu Dermatomykosen

Meerschweinchen gelten bei Kindern als beliebtes Haustier. „Nicht selten sind sie aber Verursacher von Mykosen bei Menschen“, so Dr. med. Christian Hiernickel, Jena, auf der 50. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft in Essen.

A. benhamiae Nativpräparat (Foto: Klinik für Hautkrankheiten, Uni Jena)
A. benhamiae Nativpräparat (Foto: Klinik für Hautkrankheiten, Uni Jena)

Eine erfolgreiche antimykotische Therapie ist oftmals eine Herausforderung und erfordert eine genaue Diagnostik. Erst seit einigen Jahren, jedoch mit zunehmender Tendenz, häuft sich in Deutschland das Vorkommen der Dermatophytenart Trichophyton (T.) Spezies von Arthroderma benhamiae (A.) als Erreger von Dermatomykosen, wie Hiernickel anhand von Fallbeispielen aus der Klinik für Hautkrankheiten des Universitätsklinikums Jena zeigte. Tierärzten ist diese Dermatophytenart als Auslöser von Mykosen bei Meerschweinchen schon lange bekannt.


Am besten multimodale Therapie


Wie schwer der Verlauf einer Tinea capitis, verursacht durch A. benhamiae, sein kann, zeigte Hiernickel am Beispiel eines sechsjährigen Jungen. Er wurde mit einer erythematös schuppig haarlosen Plaque vorgestellt. Dazu wurde über Druckschmerzhaftigkeit und geschwollene nuchale Lymphknoten berichtet. Aufgrund des Nachweises eines Pilzbefalls epilierter Haare (im Nativpräparat mit Kaliumhydroxid) wurde eine systemische Behandlung mit Griseofulvin (Off-label-Dosierung 20 mg/kg/Tag) und die lokale Behandlung mit Ciclopiroxolamin 2 x täglich in Cremeform und 1 x täglich als Shampoo eingeleitet. Bei einer erneuten Untersuchung zeigte sich zwei Tage später das klinische Bild eines großen ulzerierenden fluktuierenden Tumors. In der mykologischen PCR und in der Pilzkultur hatte sich inzwischen der Befall mit T. Spezies von A.benhamiae bestätigt. Die Diagnose lautete „Abszessbildung bei Tinea capitis profunda (Cerion celsi) durch Trichophyton anamorph von Arthroderma benhamiae“. In der Anamnese stellte sich heraus, dass ein im Haushalt der Familie lebendes Meerschweinchen aufgrund dieses Pilzbefalls bereits im vorausgehenden Jahr behandelt worden war. Die Umstellung der systemischen Therapie mit Terbinafin in einer Dosierung von 125 mg/Tag und Fortsetzung der Lokaltherapie führte zu einer Besserung. Über den „individuellen Heilversuch“ mit Terbinafin wurden die Eltern des Patienten entsprechend aufgeklärt. Parallel wurde über den Therapiezeitraum eine Kontrolle der Leberparameter durchgeführt. Die systemische Therapie dauert zehn Wochen; erst nach acht Wochen war der Erregernachweis negativ. Nach fünf Monaten konnte eine narbige Abheilung, allerdings mit einer bleibenden Alopezie, erzielt werden. Hiernickel gab zu Bedenken, dass eine langfristige Therapie unbedingt notwendig sei. In diesem Fall wurde die Therapie über weitere zwei Wochen nach negativer Pilzkultur fortgesetzt. Eindringlich wies Hiernickel darauf hin, diese entzündliche Maximalvariante der Tinea capitis nicht mit einer bakteriellen Infektion zu verwechseln und eine antimykotische Therapie zu verschleppen. Bei tiefer Abszessbildung am Kopf rät er neben den bakteriologischen Abstrichen immer zu einer mykologischen Diagnostik mittels Direktpräparat, Kultur- und PCR-Untersuchung.


Bei A. benhamiae systemische Therapie


In einem weiteren Fall schilderte Hiernickel den Befund bei einem siebenjährigen Mädchen. Das Kind hatte erythematöse Plaques an beiden Händen. Aufgrund der Verdachtsdiagnose einer Tinea manuum wurde zunächst eine lokale Therapie mit Ciclopiroxolamin-haltiger Creme durchgeführt, die jedoch auch nach vierwöchiger Anwendung nicht zur Besserung führte. Ebenso wenig erfolgreich war eine anschließende Okklusivtherapie. Vielmehr führte diese zu einer Zunahme der Plaques in den Randgebieten. Die mittlerweile vorliegenden Ergebnisse der Pilzkultur bestätigten den Erreger T. Spezies von A. benhamiae. Daraufhin wurde eine systemische Off-label-Therapie mit Terbinafin (125 mg/Tag) eingeleitet, die nach vier Wochen erfolgreich beendet werden konnte. Hiernickel folgerte, dass auch bei relativ geringem Befall durch A. benhamiae eine systemische Therapie notwendig sein kann. Auch in dieser Familie lebten Meerschweinchen als kuschelige Spielgefährten.


Tierbesitz und Hauterkrankung – „das kann doch nicht sein“


Dass Hasen, Pferde, Katzen und Meerschweinchen möglichweise im Zusammenhang mit der Hauterkrankung ihrer Tochter stehen, wurden von der Mutter eines achtjährigen Mädchens vehement zurückgewiesen. Und doch bestätigte sich auch in diesem Fall die Infektion mit T. Spezies von A. benhamiae durch Kultur und PCR-ELISA. Das Kind hatte erythematöse, tief infiltrierte anuläre Plaques am rechten Unterarm mit vereinzelten Pusteln. Zunächst wurde aufgrund eines klinischen Verdachts eine Lokaltherapie mit Ciclopiroxaolamin Creme durchgeführt. Nachdem der Erreger bekannt war, wurde zusätzlich Terbinafin (1 x täglich 125 mg) verabreicht. Nach ca. vierwöchiger Behandlung kam es zu dem Verdacht auf ein medikamenteninduziertes Autoimmunphänomen, das sich in Form von Rötung und Schwellung der Fingerkuppen zeigte. Die Terbinafin-Dosis wurde daraufhin halbiert. Dennoch kam es zu Myalgien und Durchfällen, weshalb die systemische Therapie nach wenigen Wochen beendet wurde. Der Hautbefund hatte sich zwischenzeitlich erheblich verbessert. Nach weiterer zweimonatiger Lokaltherapie mit Ciclopiroxolamin konnte einer vollständigen Abheilung der Dermatomykose erzielt werden. ghw

Aktuelle Ausgabe

Hier geht es zur Archiv Anmeldung

Hier finden Sie frühere Ausgaben von DERMAforum