Spezial: Clever in Sonne und Schatten

UV-Schutz in die Lebenswelten bringen

Über ein Kooperationsprojekt, UV-Schutz in die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu bringen, berichten Dr. rer. medic. Friederike Stölzel, Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Nadja Seidel, beide Dresden, Prof. Dr. med. Eckhard Breitbart, Buxtehude, und Dr. rer. nat. Debora Grosskopf-Kroiher, Köln.

Das Kooperationsprojekt „Clever in Sonne und Schatten“ will nützliches Wissen und praktische Alltagstipps zu Sonnenschutz in die „Lebenswelten“ von Kindern und Jugendlichen tragen. Es ist ein Kooperationsprojekt der Deutschen Krebshilfe, der Uniklinik und der Universität zu Köln, des Universitäts KrebsCentrums Dresden (UCC) und der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP) e. V.


Kindheit: Wichtigste Phase für UV-Schutz


Jährlich erkranken deutschlandweit rund 265.000 Menschen neu an Hautkrebs, womit es sich um die häufigste Krebserkrankung handelt. Der Hauptrisikofaktor für seine Entstehung ist die solare sowie künstliche UV-Strahlung, die Haut und Augen schädigen, frühzeitige Hautalterung verursachen und das Erbgut der Zellen verändern kann. Hautkrebs entwickelt sich über einen Zeitraum von Jahrzehnten und Kinderhaut reagiert aufgrund ihrer Struktur empfindlicher gegenüber UV-Strahlung als die Haut von Erwachsenen. Zudem halten sich Kinder in ihrem alltäglichen Umfeld, beispielsweise in der Kindertagesstätte oder in der Schule, viel im Freien auf und sind so recht häufig der Sonne ausgesetzt. Ein verantwortungsvoller Umgang mit UV-Strahlung, insbesondere für Kinder und Jugendliche, wird daher von Fachgesellschaften, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (ECAC/WHO) und dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), empfohlen.

(v. l.) Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Nadja Seidel, Dr. rer. medic. Friederike Stölzel,
Prof. Dr. med. Eckhard Breitbart, Dr. rer. nat. Debora Grosskopf-Kroiher (Fotos: Archiv)

Setting-Ansatz und Präventionsgesetz


In der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung von 1986 heißt es, dass Gesundheit eher als Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen ist, nicht als Lebensziel. Die räumlichen oder sozialen alltäglichen Kontexte von Menschen werden als Lebenswelten oder Settings bezeichnet. Beispiele sind Schulen, Kindergärten, Betriebe, Altenheime und Stadtteile. In den Lebenswelten können durch Schaffung gewisser Lebensverhältnisse Bedingungen von Krankheit und Gesundheit gestaltet werden. Der Setting-Ansatz ist ein ressourcenorientierter Ansatz, der an vorhandene Kommunikations- und Handlungsmuster anknüpft. Die Erkenntnisse unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen werden gezielt auf Aktivitäten von Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten übertragen, was eine Verknüpfung von verhaltens- und verhältnisbezogenen Maßnahmen ermöglicht.
Der Setting-Ansatz beinhaltet die Einbeziehung aller beteiligten Personengruppen einer Lebenswelt, denn neben der direkten Ansprache der Zielgruppen ist auch die Einbeziehung der Verantwortlichen und Multiplikatoren sinnvoll, um Gesundheitswissen und vor allem gesundheitliche Verhaltensweisen an die entsprechenden Zielgruppen zu kommunizieren. Neben anderen Akteuren wird im Präventionsgesetz explizit die Beteiligung von Kinder- und Jugendärzten, Hausärzten und Betriebsmedizinern an der Herstellung gesunder Lebenswelten erwähnt, um in Betrieben und Kindertagesstätten daran mitzuwirken (PrävG § 26).
Das Projekt „Clever in Sonne und Schatten“ ergänzt die gängigen Themen der Prävention und Gesundheitsförderung wie Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung um das Thema UV-Schutz zur Vorbeugung von Hautkrebs. Für Multiplikatoren wie Erzieher, Lehrer und Ärzte werden dabei spezielle Fortbildungsprogramme zum Thema UV-Schutz sowie Beratung und die Kommunikation von UV-Schutzmaßnahmen an die jeweiligen Zielgruppen angeboten. Ergänzend werden zielgruppengerechte Informations- und Lehrmaterialien zur Verfügung gestellt. Auf drei Lebenswelten soll hier exemplarisch näher eingegangen werden.


UV-Schutz-Beratung beim Kinder- und Jugendarzt


Über 90 % der Kinder, die jünger als sechs Jahre sind, werden im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) bei den Kinder- und Jugendärzten vorstellig. Von den älteren Kindern im Alter von 13 Jahren nehmen etwas mehr als vier von zehn an den Vorsorgeuntersuchungen teil. Ärztinnen und Ärzte stehen Erziehungsberechtigten sowie Kindern und Jugendlichen als Ansprechpartner für alle gesundheitlichen Belange zur Verfügung und gelten als Vertrauensperson. Mit der Neufassung der Kinder-Richtlinie von Sommer 2015 ist die UV-Beratung bereits verpflichtender Bestandteil des Beratungsgesprächs der U5-Untersuchung im 6. bzw. 7. Lebensmonat. Gerade im ersten Lebensjahr sollten Säuglinge gar nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden. Auch danach sind die richtigen Schutzmaßnahmen wichtig sowie auch die Bereitschaft von Erziehungsberechtigten, als Vorbild dafür zu dienen. Die Fortbildung für Kinder- und Jugendärzte im Projekt „Clever in Sonne und Schatten“ enthält deshalb den Schwerpunkt primärpräventives Beratungsgespräch zu Hautkrebs. Zudem werden hilfreiche Materialien entwickelt, die Eltern an die Hand gegeben werden können, etwa „Checklisten“ für Sonnenschutz in verschiedenen Lebensphasen von Kindern und Jugend­lichen (www.krebshilfe.de).


Sonnenschutz mit dem SonnenschutzClown-Programm


Nahezu alle Drei- bis Fünfjährigen in Deutschland werden in einer Kita betreut. Das Setting Kita ist damit optimal zum Erreichen von über 1,9 Mio. Kindern, deren Haut um ein Vielfaches schutzbedürftiger als die eines Erwachsenen ist. Um die Haut zu schützen, gibt es einfache Regeln: im Schatten aufhalten, schützende Kleidung nutzen und Sonnencreme auftragen. Doch finden sich im Kita-Alltag immer wieder Hindernisse. Es gibt zu wenig schattenspendende Bäume im Garten oder Eltern sprechen sich gegen die Nutzung von Sonnencreme aus. Das SonnenschutzClown-Programm innerhalb der Kampagne „Clever in Sonne und Schatten“, entwickelt vom Präventions- und Bildungszentrum des UCC Dresden, unterstützt Kitas darin, Sicherheit im Umgang mit der Sonne zu gewinnen und Sonnenschutz in der Kita nachhaltig umzusetzen.
Das Projektpaket „Die SonnenschutzClown-Woche“ bietet Anleitungen und Material, mit denen Erzieher Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren mit alltagsnahen Aktivitäten für das Thema Sonnenschutz sensibilisieren können. Enthalten sind u. a. eine DVD mit Filmen und dem „Lied vom Sonnenschutz“ sowie ein Bilderbuch.
Um strukturelle Veränderungen zu fördern, wird das Kita-Team in einer zweistündigen Weiterbildung über die wichtigsten Aspekte zum Sonnenschutz informiert und bei der Erarbeitung einer individuellen Sonnenschutz-Vereinbarung angeleitet. Der Fokus liegt auf der Umsetzung der Sonnenschutz-Empfehlungen, der Vorbildrolle der Erwachsenen sowie auf der Zusammenarbeit mit den Eltern.
Ab Sommer 2016 stehen die Materialien zum „SonnenschutzClown“ zum Download auf der Website des Fördervereins „Mit Köpfchen gegen Krebs e. V.“ (www.fv-mkgk.de/­sonnenschutz) zur Verfügung. Nach der wissenschaftlichen Evaluation durch das UCC im Sommer 2016 und 2017 in 24 sächsischen Kitas können die Materialien über die Deutsche Krebshilfe bezogen werden. Die Weiterbildung wird im  Laufe des Jahres als interaktive, medial gestützte Schulung weiterentwickelt.


Grundschüler als Forscher beim Projekt „Die Sonne und Wir“


Auch die Grundschule mit Ganztagsbereich wird nicht mehr als reiner Lernort angesehen, sondern als Lebenswelt, die für die Interessen der Kinder steht. Diese Lebenswelt steht im Mittelpunkt des Kölner Projektpakets „Die Sonne und Wir“. Basierend auf einer multidisziplinären Vorgehensweise werden hierbei naturwissenschaftliche, medizinische, kunstpädagogische und gesundheitsbezogene Inhalte zu dem Themenkomplex „UV-Strahlung und unser Körper“ sowie einfach anzuwendende Sonnenschutzmaßnahmen miteinander verbunden. Dies ist möglich, da neben den Expertisen aus dem ZMMK und der Dermatologischen Uniklinik weitere Kooperationspartner aus der Universität zu Köln und der Deutschen Sporthochschule Köln eingebunden sind (www.sonnenbus.uni-koeln.de).
Das Projektpaket „Die Sonne und Wir“ richtet seine Aktivitäten auf die Schülerinnen des 3. und 4. Schuljahrs aus. Insgesamt werden drei Schulstunden für die Durchführung der präventiven Maßnahme sowie einer Post-Evaluierung benötigt. Dieser Zeitrahmen lässt sich in der Regel problemlos in den laufenden Schulalltag integrieren. Die benötigten Räumlichkeiten beschränken sich auf zwei Räume sowie den Außenbereich.
Um den intensiven und aktiven Austausch mit den Schülern zu gewährleisten, wird mit Kleingruppen gearbeitet. Es gibt drei Stationen: (A) die Sonne mit ihren Strahlen, (B) die Haut und die UV-Strahlung und (C) der Schatten und die UV-Strahlung. Einige Beispiele dafür sind das Experimentieren mit Kunststoffperlen zum „Sichtbarmachen“ der UV-Strahlung, ein Hautmodell zum Kennenlernen der Haut, des Bräunungsvorgangs bis hin zum Sonnenbrand, die Isolierung von Erbgut zum Kennenlernen der UV-empfindlichen Struktur und Schattentheaterstücke zum Kennenlernen des Schattens. Da die Gestaltung der Lebenswelt in der Verantwortung von Schulleitung und Kollegium liegt, ist es wichtig, das Interesse der verantwortlichen Akteure für „Die Sonne und Wir“ zu gewinnen und diese als Multiplikatoren gezielt zu informieren. Damit diese präventive Maßnahme in den Grundschulen  – auch ohne den Besuch des Sonnenbus-Teams – durchgeführt werden kann, soll das Lehr- und Lernmaterial auch in digitaler Form bereitgestellt werden. Das Ziel ist, dass die Grundschulen/OGTS jedes Jahr mindestens drei Schulstunden für die Aufklärung zum achtsamen Umgang mit UV-Strahlung zur Verfügung stellen und als festen Bestandteil in den Schulunterricht einbauen. Zudem setzt sich das Projekt dafür ein, dass jede Grundschule eine UV-Indexanzeige inklusive Informationen zur Bedeutung des UV-Index für den Sonnenschutz erhält.

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