Oxybutynin bei Hyperhidrosis

Übermäßiges Schwitzen Patienten mit Hyperhidrosis haben eine eingeschränkte Lebensqualität, das wurde bei der Fobi deutlich. Seit Erscheinen der Leitlinie 2012 wurden neue therapeutische Optionen entwickelt. So kann Oxybutynin systemisch oder topisch eingesetzt werden, derzeit aber noch off-label.

Prof. Dr. med. Martin Schaller (Foto: privat)
Prof. Dr. med. Martin Schaller (Foto: privat)

„Primäre Hyperhidrosis und beginnt schon im Kindes- und Jugendalter“, erinnerte Prof. Dr. med. Martin Schaller, Tübingen, bei der 26. Fortbildungswoche für Praktische Dermatologie und Venerologie im Juli 2018 in München. „Dabei tritt definitionsgemäß mindestens einmal pro Woche übermäßige sichtbare Schweißbildung an Handflächen, Fußsohlen, Axillen oder im Kopfbereich auf, meist symmetrisch, jedoch nicht während des Nachtschlafs.“

 

„Laboruntersuchungen oder eine Bildgebung sind bei primärer Hyperhidrosis nicht notwendig.“


Die anfallsartigen Schweißausbrüche sind oft familiär vererbt und belasten die Patienten schwer: „Die Reizschwelle ist extrem niedrig“, so Schaller. „Bereits eine geringe psychische Belastung oder normale körperliche Alltagsaktivitäten genügen, um eine ständige Sekretion aufrechtzuerhalten.“ Flecken- und Geruchsbildung führen zu sozialer Ausgrenzung und psychischem Stress, der seinerseits das Geschehen triggert – ein Circulus vitiosus entsteht.
Besteht dieses Beschwerdebild seit mindestens sechs Monaten und sind keine anderen Auslöser zu finden, so gilt die Dia-
gnose der primären Hyperhidrosis als gesichert. „Laboruntersuchungen oder eine Bildgebung sind hier nicht notwendig“, betont Schaller.

 

Therapiealgorithmus noch von 2012

 

Die Leitlinie von 2012 nennt als erste Therapiestufe kommerziell erhältliche Perspiranzien sowie Aluminiumchlorid-Hexahydrat (AlCl3 • 6 H2O; palmar/plantar: 15- bis 20%ig, axillär: 20- bis 30%ig, jeweils über Nacht). In der zweiten Stufe wird die Leitungswasser-Iontophorese vorgeschlagen und in der dritten Stufe die Injektion von Botulinumtoxin. Spätestens hier dürfte die Behandlung der Handflächen schwierig werden: Die Injektionen sind sehr schmerzhaft und sollten in Leitungsanästhesie erfolgen. In der vierten Therapiestufe werden nur noch invasive Operationen aufgezählt.

 

Anticholinergika systemisch …

 

„Es besteht aber auch die Möglichkeit der systemischen Gabe von Anticholinergika“, ergänzt Schaller. So können Bornaprin (Sormodren®), Methantheliniumbromid (Vagantin®) oder außerhalb der Zulassung auch Oxybutynin (generisch) oral angewendet werden. „Die Wirkung ist auf einige Stunden begrenzt, das erfordert eine kontinuierliche mehrmals tägliche Einnahme“, nennt Schaller einen Nachteil dieser Therapie. „Als typische anticholinerge Nebenwirkung kann Mundtrockenheit auftreten; seltener werden Akkomodations- oder Miktionsstörungen beobachtet.“

 

… oder neuerdings auch lokal


In einer aktuellen Studie aus Israel (Artzi O et al., Acta Derm Venereol 2017;97:1120 - 4) wurde die topische Anwendung von 10%igem Oxybutynin-Gel bei primärer fokaler Hyperhidrosis untersucht. 61 Patienten trugen das Gel jeweils zweimal täglich auf eine betroffene Handfläche, Fußsohle oder Achsel auf und verwendeten kontralateral nur die Gelgrundlage. Beide Seiten wurden dann mittels Jod-Stärke-Test angefärbt und fotografiert. Die verblindete ärztliche Auswertung der Fotos erfolgte mithilfe der vierstufigen Hyperhydrosis Disease-Severity-Scale (HDSS).
Außerdem wurde der Dermatology-Life-Quality-Index (DLQI) mitgeführt und auch die Patientenzufriedenheit ermittelt. 53 Patienten schlossen die vierwöchige Behandlung ab. Beide Messwerte waren an den aktiv behandelten Stellen jeweils hochsignifikant verbessert (p < 0,001). Bei zwei von drei Patienten konnte der HDSS-Befund um einen Punkt reduziert werden, bei 7,5 % sogar um zwei Punkte. 74 % der Teilnehmer waren mit der Behandlung zufrieden oder sehr zufrieden. „Auch diese Therapie ist allerdings derzeit noch off-label“, so der Dermatologe.|  rdf

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