Gastkommentar

Credo, quia absurdum est?

Dr. rer. nat. habil. Ilja Kruglikov, Karlsruhe, stellt auf der Cosmedica in Bochum auch in diesem Jahr Fragen zum Gesamtkonzept der Ästhetik, die sicher für kontroverse Diskussionen sorgen werden.

Foto: privat
Dr. rer. nat. habil. Ilja Kruglikov

Ist Ästhetische Medizin ein Teil der Medizin? Wenn ja, darf man hier lediglich glauben und nicht unbedingt wissen? In der Ästhetik muss alles immer stärker werden, immer schneller, noch unrealistischer und märchenhafter. Es wird alles ad absurdum getrieben. Und weil das immer unvernünftiger klingt, glauben wir auch fest daran.
Immer wieder tauchen in der Ästhetischen Medizin neue Methoden auf, die dem Wunsch nach schnellen und risikolosen Körperveränderungen entsprechen sollten. Paradebeispiel ist hier das Body Contouring. Störende Fettpolster – kein Problem mehr! Seit einiger Zeit haben wir die Vakuummassage in verschiedenen Formvariationen und Farbkombinationen, Kavitation, radiofrequente Ströme, Kryolipolyse, nicht invasive Laserlipolyse … Alles ist angeblich genau so effektiv wie die ästhetischen Operationen, allerdings ohne Nebenwirkungen. Und zwar dermaßen nebenwirkungsfrei, dass sogar die Kosmetikerinnen (nein – die ungeschulten Menschen quasi von der Straße!) solche Methoden ruhig an anderen Menschen anwenden und Geld damit verdienen dürfen. Gehen ab sofort nur die Dümmsten zu ästhetischen Chirurgen!?


Alles gelogen?


Ist alles gelogen? Nicht alles, aber fast. Ergebnisse, die man mit ästhetischen Operationen vergleichen kann? Subabsurdus. Verschiedene Behandlungsmethoden mit der gleichen Wirkung auf den Fettabbau? Absurdus. Alles nebenwirkungsfrei? Perabsurdus! Und trotzdem, „ich glaube, weil das absurd ist“.
Die Grundlagen der meisten Behandlungsmethoden widersprechen den wissenschaftlichen Kenntnissen über Fettgewebe und manchmal sogar den allgemeinen Naturgesetzen. Fettgewebe ist nicht eine passive Masse, die man beliebig ausdehnen und schrumpfen lassen kann. Diese Art von Gewebe entwickelt sich nach eigenen Gesetzen, die man erst vor wenigen Jahren angefangen hat, langsam zu verstehen. Hyaluronan und Wasser, interzelluläre und perizelluläre Fibrosierungen, Transdifferenzierung mit „Britening“ und „Whitening“, kompensatorische Hyperplasie, mechanische Eigenschaften wie Anti-Thixotropie und vieles mehr. Es ist eine Wissenschaft, die den normalen Marketingslogans in der Ästhetik Schritt für Schritt immer weniger Platz lässt. Darum geht es auf der Cosmedica 2013 in einem Vortrag über die Kontroversen in der Ästhetischen Medizin. Kollagenschrumpfen als Grundlage der Skin Tightening mit radiofrequenten Strömen? Thermische Kollagendenaturation – sie existiert tatsächlich, Skin-Tightening-Effekt – das gibt’s auch; beide passen aber nicht zusammen, weil eine Kollagendenaturation zu einem Steifigkeitsverlust im Gewebe führt. Langfristige Ergebnisse bei nicht invasivem Body Contouring mit verschiedenen Behandlungsmethoden durch lokalen Fettabbau? Fehlanzeige: Hauptkomponente ist das Wash‧out-Phänomen, wie die aktuellen Experimente mit Hyaluronidase von diesem Jahr beweisen. Bringt eine Kryolipolyse eine Wirkung ohne Gegenwirkung oder hat man unterwegs die Thermogenese verloren? Diese und einige andere Themen sollten dabei angesprochen werden.
Man kann nicht ein bisschen schwanger werden. Man kann auch nicht nur einen Teil der wissenschaftlichen Wahrheit vertragen. Alles oder nichts. Sonst bleibt es weiter bei „credo, quia absurdum est“.

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