Standpunkt

Zirkus der Ästhetischen Medizin

Naturgesetze frei zu interpretieren macht Spaß. Besonders in der Kosmetik und in der ästhetischen Medizin. Wie weit kann man aber hierbei gehen? Das fragt sich Dr. rer. nat. habil. Ilja Kruglikov, Karlsruhe.

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Dr. rer. nat. habil. Ilja Kruglikov

In der Kosmetik hat man schon längst alle Hemmungen und Bremsen verloren. Die ästhetische Medizin ist gerade auf dem besten Wege, die Kosmetik auf diesem Gebiet einzuholen. Einige Aussagen, die hier produziert werden, sind dermaßen daneben, dass sie schon gar nicht mehr als „ärgerlich“, sondern nur als „lächerlich“ bezeichnet werden sollten. Das Schlimme dabei – man lernt aus eigenen Fehler nicht, sondern versucht, sie möglichst schnell zu vergessen nach dem Motto „was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“
Vor etwa 15 Jahren hat eine Kosmetikfirma eine „neue“ und wie immer „revolutionäre“ Behandlungsmethode auf den Markt gebracht: Haarentfernung mit therapeutischem Ultraschall. Die Erklärung war mehr als überzeugend – Ultraschall sollte die Haare ins „Schwingen“ versetzen und so die „Poren“ öffnen. In diese „Poren“ sollten dann die „haarwuchsstoppenden“ Präparate eingeschleust werden. Es leuchtet doch jedem ein, dass so etwas funktioniert, oder? Dass man dabei das „Schwingen“ von Haaren in einem Ultraschallfeld in etwa mit dem Beugen von Bäumen im Wald beim Ausatmen eines Spaziergängers vergleichen kann, irritierte damals niemanden. Na klar, was ich nicht weiß stört mich auch nicht. Und so hat man viele Geräte verkauft mit der Versprechung, dass die Haare „nie wieder“ kommen werden. Leider kann man solche Versprechungen nicht sofort überprüfen, weil Haare bekanntermaßen nur langsam wachsen. Bis die ganze Geschichte richtig hoch kam und für Ärger sorgte, konnte man längst Kasse machen. Übrigens, wenn Sie glauben, dass nach so einem Desaster die Firma für immer erledigt war, dann kennen Sie diesen Markt nicht. Sie kam vor einigen Jahren wieder mit wissenschaftlich qualitativ ähnlichen Aussagen, aber einem anderen Gerät zurück. Und hat wieder viel verkauft.
Ich habe mich an diese Geschichte erinnert, als ich neulich einige ähnlich seriöse Aussagen zu einer „revolutionären“ Entwicklung auf dem Markt des Body Contouring gelesen habe. Es handelt sich um die „neueste Generation“ der Kryolipolyse-Geräte, und ich fand die angebotene Erklärung einfach faszinierend: „Die Kühlung bewirkt einen natürlichen Abbauprozess der Fettzelle. Die Lipide in den einzelnen Zellen kristallisieren und zerstören durch ihre neue spitze Form die Zellmembran von innen. Die Fettzelle wird somit innerhalb einiger Tage komplett zerstört und stirbt ab.“ So ist es, „spitze Lipide“, und jedem ist klar, dass eine Spitze verletzen kann. Das ist tatsächlich eine Spitze, allerdings eine Spitze des Eisbergs, weil weiter die nächsten Entdeckungen folgen: „Nach zwei Sitzungen verschwinden 20% bis 40% des Fettgewebes an der behandelten Region“, oder „…entfernte Fettpölsterchen kommen nie mehr wieder“. Wen interessiert schon, dass die ganze Welt seit Jahren weiß, dass Fettgewebe sich in einem Rhythmus von ca. zehn Jahren komplett erneuert? Die Naturgesetze haben doch in der Kosmetik/Ästhetik nichts zu suchen!
War das Ihnen noch zu wenig? Dann legen wir nach:

  • „keine Schmerzen, keine Gewebeschädigungen“ – Aha! Warum hat da gerade Dr. M. Sandhofer seine gegenteiligen Erfahrungen mit der Kryolipolyse veröffentlicht? Hat er vielleicht noch die Geräte der „alten“ Generation?
  • „Absolut ebenmäßiges Ergebnis, keine Dellenbildung“ – Jetzt werde ich aber wirklich ein wenig misstrauisch. Ist das nicht zu viel des Guten? Und war da nicht was über die kompensatorische Hyperplasie als eine relativ seltene, aber reale und schwerwiegende Nebenwirkung?

Sie glauben aber nicht wirklich, dass wir die absolute Spitze schon erreicht haben, oder? Weil das Wichtigste kommt wie immer zum Schluss: „Die abgestorbenen Fettzellen werden vom Körper auf natürliche Weise über die Lymphe abtransportiert und über den Harn ausgeschieden“. Punkt. Aus. Ende. Nobelpreis.
Dass so etwas Kosmetikerinnen schreiben ist lächerlich, dass das die Ärzte wiederholen ist traurig. Weil da stellt sich die Frage, was man sechs Jahre an der Uni gelernt hat und mit welchen Kenntnissen man dann die Patienten außerhalb der ästhetischen Anwendungen behandelt. Ein Clown im Zirkus ist vielleicht lustig, er sollte aber im Zirkus auch bleiben.

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