Krebsimpfung wirksam und machbar?

Malignes Melanom Mit dem Verständnis, nach welchen Mechanismen Hautkrebs entsteht, haben sich auch die Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren rasant verbessert. Die aktuellen Entwicklungen wurden beim 27. Deutschen Hautkrebskongress der ADO Ende September 2017 in Mainz vorgestellt.

Prof. Dr. med. Stephan Grabbe (Foto: conventus)
Prof. Dr. med. Stephan Grabbe (Foto: conventus)

Tagungspräsident Univ.-Prof. Dr. med. Stephan Grabbe, Klinik und Poliklinik für Dermatologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz KöR, gab Kerstin Aldenhoff einen Einblick in jüngste Fortschritte der Behandlung, die Antigenspezifische Krebs-Immuntherapie: Ist Impfen gegen Krebs am Ende doch machbar und wirksam?
Prof. Dr. med. Stephan Grabbe: „Die Krebs-Immuntherapie entwickelt sich rasant weiter und gehört mittlerweile bei einer Reihe von Krebsarten bereits zur Standardbehandlung, die die Überlebenschancen von Patienten in fortgeschrittenen Tumorstadien dramatisch verbessert hat. Vorreiter dieser Entwicklung ist der schwarze Hautkrebs (Malignes Melanom), der besonders gut auf eine Immuntherapie anspricht und daher für Krebs­forscher quasi das Versuchslabor für die Weiterentwicklung der Immuntherapie ist.
Bislang dominierten sog. „Immun-Checkpoint-Inhibitoren“ das Feld der Krebs-Immuntherapie. Ihr Wirkprinzip ist, dass sie natür­liche „Bremsen“ im Immunsystem blockieren, die von der Natur eingerichtet wurden, um eine Überaktivierung des Immunsystems und unerwünschte Immunreaktionen z. B. gegen körpereigene Organe, und Gewebe, zu verhindern.

 

„Die Krebs-Immuntherapie entwickelt sich rasant weiter und gehört mittlerweile bei einer Reihe von Krebsarten bereits zur Standardbehandlung, die die Überlebenschancen von Patienten in fortgeschrittenen Tumorstadien dramatisch verbessert hat.“

 

Genau diese Bremsen im Immunsystem sind es aber auch, die eine effektive Immunabstoßung von Krebszellen ebenfalls verhindern. Durch die Blockade dieser Bremsen kann das Immunsystem nun einerseits Krebszellen wieder besser bekämpfen, andererseits geht diese Therapie aber auch bei vielen Patienten mit unerwünschten Entzündungen gesunder Organe einher, die durch die ungezielte Aktivierung des Immunsystems als Ganzes bedingt sind.


Immunsystem ist zweischneidiges Schwert


Das Immunsystem ist also ein zweischneidiges Schwert – einerseits kann es dazu aktiviert werden, Krebszellen hocheffektiv zu bekämpfen, andererseits kann dies aber auch zu einem Angriff des Immunsystems auf gesunde Körperzellen führen. Hier setzt die Antigenspezifische Immuntherapie ein, deren Ziel es ist, das Immunsystem nur gegen die Veränderungen zu aktivieren, die die Krebszellen von gesunden Körperzellen unterscheiden. In den letzten Jahren zeigte sich, dass Krebszellen – und vor allem Hautkrebszellen – eine Vielzahl von Veränderungen im Vergleich zu den gesunden Zellen des gleichen Patienten haben. Diese sogenannten Mutationen sind allerdings bei jeder Krebsart, und sogar bei jedem einzelnen Tumorpatienten, individuell unterschiedlich. Daher muss für eine solche Therapie für jeden Patienten neu analysiert werden, welche Mutationen der jeweilige Tumor besitzt und welche von diesen zu so veränderten Eiweiß­molekülen führen, dass sie vom Immunsystem des Tumorpatienten erkannt werden können.
Gegen diese Eiweißmoleküle wird nun ein Impfstoff hergestellt, der dann dem Patienten verabreicht wird und der die eigene Immunabwehr gegen den Tumor des Patienten aktivieren soll – ähnlich wie dies auch bei Impfstoffen gegen Viren und Bakterien der Fall ist. Anders als bei den – im Prinzip immer gleichartigen – Viren und Bakterien muss jedoch für jeden einzelnen Patienten ein individuell zusammengesetzter Impfstoff-Cocktail hergestellt werden, da jeder Tumor ein einzigartiges und bei jedem Patienten unterschiedliches Mutationsmuster enthält.
Forschern aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. med. Ugur Sahin an der Universität Mainz ist es nun gelungen, diesen technisch sehr aufwendigen und auf jeden Patienten gezielt zuzuschneidenden Impfstoff-Herstellungsprozess so zu automatisieren, dass die Herstellung eines Impfstoffes zuverlässig gelingt und hierfür im Durchschnitt nur noch weniger als drei Monate benötigt werden – ein Durchbruch in der individualisierten Immuntherapie. In einer kürzlich in Mainz, Mannheim und Wien durchgeführten und in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten klinischen Studie mit 13 Patienten konnten ermutigende erste Ergebnisse präsentiert werden, die darauf hindeuten, dass der Impfstoff tatsächlich die gewünschte Wirkung haben könnte. Insbesondere blieben jedoch die gefürchteten Nebenwirkungen einer Immuntherapie, die Entstehung von Entzündungen auch in gesundem Gewebe der Patienten, aus. Der aktuelle Stand dieser Forschung wurde auf dem in diesem Jahr ebenfalls in Mainz stattfindenden Deutschen Hautkrebskongress präsentiert.
Ein weiteres Problem in der Entwicklung von Krebs-Impfstoffen war bisher die geringe Wirksamkeit der Impfstoffe, die oft nur unzureichend in der Lage waren, schützende Immunantworten gegen die Krebszellen des Patienten zu erzeugen. Auch hier haben die Mainzer Forscher einen Lösungsansatz entwickelt. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Impfstoffe wesentlich besser wirksam sind, wenn sie gezielt auf die für die Erzeugung von Immunantworten wichtigen „dendritischen Zellen“ wirken können. Kürzlich konnte erstmals gezeigt werden, dass man den Krebsimpfstoff in mikroskopisch kleinen Nano­partikeln, sogenannten Lipoplexen, verkapseln kann und diese Lipoplexe dann so konfigurieren kann, dass sie nach Injektion in den Tumorpatienten gezielt von dendritischen Zellen aufgenommen werden und diese zudem so aktivieren, dass sie besonders effektiv Immun­antworten gegen den Tumor des Patienten erzeugen können. In einer ebenfalls in „Nature“ publizierten Pilotstudie konnten ermutigende erste Ergebnisse erzielt werden. Die Wirksamkeit dieser Therapie wird aktuell in einer klinischen Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs an der Hautklinik der Mainzer Universitätsmedizin getestet. Die Mainzer Forscher haben auf diesem Gebiet weltweit die Nase vorn – sie sind aber keineswegs die einzigen, die an diesem Thema arbeiten. Auch in anderen Laboren in Europa und den USA wird hieran intensiv gearbeitet, wodurch sie die technologischen Möglichkeiten, Mutationen im Tumor aufzuspüren und hiergegen effektive Impfstoffe herzustellen, rasch weiterentwickeln werden. Aktuell steht diese Therapie derzeit nur wenigen Patienten in klinischen Studien offen – dennoch ist sie ein Hoffnungsschimmer am Horizont für viele Tumorpatienten.“ (ka)

Kontakt
Kerstin Aldenhoff
Tel. +49 172 3516916
kerstin.aldenhoff@conventus.de

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