157 Docs gegen einen Algorithmus

Künstliche Intelligenz In einer Studie traten 157 Hautärzte gegen ein Programm mit künstlicher Intelligenz (KI) an: Wer diagnostiziert besser und zielsicherer? Bis auf 21 Teilnehmer – sieben besser, 14 gleich gut – hatte der programmierte Algorithmus die höhere Erfolgsquote.

Wer kann zielgenauer diagnostizieren? Mensch und Maschine lieferten sich einen Wettbewerb. (Foto: NCT Heidelberg / Philip Benjamin)
Wer kann zielgenauer diagnostizieren? Mensch und Maschine lieferten sich einen Wettbewerb. (Foto: NCT Heidelberg / Philip Benjamin)

Für 100 Bilder von Hautauffälligkeiten, davon 20 gesichert von einem malignen Melanom und 80 gutartige Muttermale, mussten 157 Dermatologen von zwölf deutschen Universitäts-Hautkliniken das weitere Vorgehen bestimmen: entweder eine Biopsie durchführen oder dem Patienten von der Gewebeprobe abraten. Dieselben 100 Bilder wurden anschließend von einem zuvor mit 12.378 anderen Bildern trainierten Algorithmus automatisiert bewertet.
Nur sieben der 157 Dermatologen schnitten besser als der Algorithmus ab, 14 erzielten gleich gute Ergebnisse und 136 hatten schlechtere Ergebnisse. Im Durchschnitt war der Algorithmus präziser in der Beurteilung der Hauttumoren als die Hautärzte. Dabei spielte es keine Rolle, welche Position und Erfahrung der Arzt hatte. Im Durchschnitt waren Assistenzärzte über Fach- und Oberärzte bis zum Chefarzt dem Algorithmus unterlegen.
„Der Einsatz von künstlicher Intelligenz wird in der Dermatologie zukünftig wichtiger werden, um präzise Diagnosen zu erstellen. Der Algorithmus könnte die klinische Beurteilung von Hauttumoren sinnvoll ergänzen“, kommentiert Jochen Sven Utikal, Leiter der Klinischen Kooperationseinheit des DKFZ, die Ergebnisse der Studie.

 

„Es ist ähnlich wie
beim Autopiloten im
Flugzeug: Bei gutem
Flugwetter und häufigen
Strecken ist das Assistenzsystem
hilfreich. Bei
schwierigen Landungen
muss ein erfahrener Pilot
hingegen Verantwortung
übernehmen. Das kann
ein Computer so allein
nicht leisten.“


Die Diagnose von Hautveränderungen allein durch den Algorithmus ist allerdings nach Meinung der Heidelberger Wissenschaftler nicht zu empfehlen. Ein Einsatz auf mobilen Endgeräten ist zwar in bestimmten Situationen denkbar, setzt die Patienten aber derzeit noch zu hohen Risiken aus. Denn der Algorithmus kennt bisher nur zwei Diagnosen: Muttermal oder schwarzen Hautkrebs. Bei dieser Fragestellung ist die künstliche Intelligenz bei Bilddaten überlegen. „Die klinische Realität ist allerdings eine völlig andere: Ein Facharzt muss bei der körperlichen Untersuchung zwischen mehr als hundert Differenzial­diagnosen unterscheiden können, davon sind viele sehr selten, einige sind kaum allein am Bild zu erkennen, sondern brauchen weitere Informationen wie zum Beispiel Tasteindrücke“, berichtet Prof. Dr. med. Alexander Enk, Heidelberg.
Kann eine künstliche Intelligenz in zehn Jahren die klinische Diagnose durch den Hautarzt vollständig ersetzen? Nein, meinen die Heidelberger Mediziner.
Sie kann ihn aber unterstützen: „Es ist ähnlich wie beim Autopiloten im Flugzeug: Bei gutem Flugwetter und häufigen Strecken ist das Assistenzsystem hilfreich. Bei schwierigen Landungen muss ein erfahrener Pilot hingegen Verantwortung übernehmen. Das kann ein Computer so allein nicht leisten“, sagt der Leiter der Studie, Dr. med. Titus Brinker, Heidelberg. Die Studie ist Teil des „Skin-Classification-Projekts“, welches von Brinker am DKFZ initiiert wurde und durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird.  |  ve

Kontakt
Titus Brinker
Universitäts-Hautklinik Heidelberg
Leiter der App-Entwicklung am NCT Heidelberg
und DKFZ
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel: 01 51 – 75 08 43 47

Aktuelle Ausgabe