Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW e. V.)

Verpasste Chancen

Patienten mit chronischen Wunden können in Deutschland nicht optimal versorgt werden. Eine Diskussion unter Experten beim „parlamentarischen Frühstück“ in Berlin.

Hierzulande leiden laut Kassendaten 1,2 Millionen Menschen an den drei Hauptdiagnosen chronischer Wunden: am diabetischen Fußulkus, an Ulcus cruris und an Dekubitus. Um sie angemessen zu versorgen, braucht es mehr Fachkräfte und mehr Geld. Das sagte Prof. Dr. med. Matthias Augustin, Direktor des Institutes für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), beim „parlamentarischen Frühstück“ Anfang Mai in Berlin.
Das parlamentarische Frühstück fand statt auf Einladung der European Wound Management Association (EWMA), der Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW) und des Wund D.A.CH. Die drei Organisationen vertreten die Interessen von Wundbehandlern in Deutschland, in den deutschsprachigen Ländern (Wund D.A.CH) und im europäischen Bereich (EWMA). Sie arbeiten an der Förderung der Qualität der Wundbehandlung. Hierbei steht die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit in der Behandlung von Menschen mit chronischen Wunden im Vordergrund.
Wund-Patienten leiden besonders unter der langen Wartezeit, bis eine korrekte Diagnose gestellt wird, berichtete Augustin. Im Schnitt dauere es elf Jahre, bis sich bei einer Altersdiabetes oder einer Gefäßerkrankung eine offene Wunde bilde. Ein weiteres Jahr vergeht, bis die Patienten zum Arzt gehen, und vom ersten Arztkontakt bis zur korrekten Diagnosestellung dauere es im Mittel weitere 3,9 Jahre. „Wir haben es mit einer zu späten Identifizierung von Patienten und mit verpassten Chancen zu tun“, sagte Augustin beim parlamentarischen Frühstück. Das Ergebnis: Bundesweit würden nur rund 40 Prozent der Patienten, bei denen eine Kompressionstherapie indiziert wäre, auch mit einer solchen behandelt.

Veranstalter und Referenten beim parlamentarischen Frühstück in Berlin: (v. l.) Dr. med. Severin Läuchli, Vorstand Europäische Gesellschaft für Wundheilung (EWMA); Erwin Rüddel, Mitglied des Bundesfachausschusses „Gesundheit und Pflege“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Pflegepolitik; Hendrik Nielsen, Director EWMA-Sekretariat; Prof. Dr. med. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; Dr. med Karl-Christian Münter, Vorstand der Initiative Chronische Wunden e. V. (ICW)

(Foto: B. Springer, Wiesbaden)

Laut einer Studie Augustins wünschen sich Patienten allerdings nicht nur den raschen Verschluss ihrer Wunde, sondern auch eine bessere Lebensqualität etwa durch wirksame Schmerzlinderung sowie die Reduktion des Wundgeruchs und des Wundausflusses (Exsudat). Um diese Patienten besser zu versorgen, brauche es deutlich mehr Fachkräfte und bessere Honorare, so Augustin. So erhalten ambulante Pflegedienste je nach Bundesland nur zwischen sieben und elf Euro pro Verbandswechsel, egal wie viel Zeit er braucht. Auch niedergelassene Ärzte erhalten nach der Erstvorstellung eines Patienten pro Verbandswechsel nur noch Honorare im einstelligen Eurobereich.
Kritisch ist die Versorgung von Wundpatienten auch in den Flächenländern: Die Länder im Süden und im Osten Deutschlands haben die geringste Dichte an Wundzentren. In den Stadtstaaten indessen verbessern die komplexen und vernetzten Strukturen aus niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern, Podologen, weiteren Therapeuten und Sanitätshäusern die Versorgung der Patienten.
Unterdessen steigen die Versorgungskosten. Die Versorgung der Wunden der 1,2 Millionen Patienten mit den drei Hauptdiagnosen verschlingt im Jahr acht Milliarden Euro. Das sind pro Patient etwa 6.666 Euro. Und das ist noch konservativ geschätzt. Studien bezifferten 2008 bei einem Patienten mit diabetischem Fußsyndrom Kosten zwischen 7.722 Euro für abgeheilte Ulcerationen und bis zu 25.222 Euro für Patienten, die letztlich amputiert werden mussten. Der Einsatz innovativer Technologien scheitert, weil die Kosten hierfür von den Krankenkassen nur zögernd oder gar nicht übernommen werden. Frühe Intervention und bessere Versorgung erhöhen zwar die Kosten zu Beginn der Therapie, rechnen sich aber langfristig durch kürzere Behandlungszeit und die Vermeidung von Rezidiven, sagte Augustin zur Kosten-Nutzenbewertung.
Der Schirmherr des parlamentarischen Frühstücks, Erwin Rüddel, Mitglied des Bundestages und Sprecher des Gesundheitsausschusses, hatte zuvor auf die positiven Folgen des Präventionsgesetzes hingewiesen, das im Mai 2015 verabschiedet wurde. Es sei die Grundlage für eine stärkere Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger, Länder und Kommunen bei der Prävention und der Gesundheitsförderung, sagte Rüddel. Es sei aber noch ein weiter Weg, bis die Versorgung von Wundpatienten verbessert sei, besonders im Hinblick auf die zukünftig viel höhere Zahl alter Menschen und Pflegepatienten.

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