Neue Leitlinie atopische Dermatitis

Neue, praxisrelevante Forschungsergebnisse

Dr. med. Annice Heratizadeh, Hannover, stellte auf der Tagung Dermatologische Praxis in Frankenthal die neue, im Januar 2016 veröffentlichte Leitlinie zur atopischen Dermatitis vor.

Dr. med. Annice Heratizadeh (Foto: privat)
Dr. med. Annice Heratizadeh (Foto: privat)

Bis zu 13 % aller Kinder und 2 – 3 % der Erwachsenen in Deutschland sind von dem Krankheitsbild „Neurodermitis“ betroffen. Diese chronisch-entzündliche Hauterkrankung ist mit starkem Juckreiz assoziiert. Im Januar dieses Jahres wurde die aktualisierte Fassung der konsensbasierten S2k-Leitlinie „Neurodermitis“ veröffentlicht, in welcher unter Verwendung standardisierter Formulierungen Empfehlungen zur Diagnostik, Versorgungsstruktur und zu Therapieverfahren bei Neurodermitis ausgesprochen werden.
Die Behandlung von Neurodermitis basiert weiterhin auf einem 4-stufigen Therapieschema und lehnt sich damit an die entsprechende Europäische Leitlinie an.
Aufgrund weiterer, aktueller Studiendaten zur Hautbarriere-Funktion bei Neurodermitis wird nach wie vor – auch bei fehlenden Zeichen der Entzündung – eine dem Hautzustand angepasste Basistherapie empfohlen. Hierbei wird die Verordnung solcher Basistherapeutika empfohlen, die keine häufigen Kontaktallergene enthalten.
Im Hinblick auf die antientzündliche Behandlung mit topischen Glukortikosteroiden und auch topischen Calcineurininhibitoren werden in der aktualisierten Leitlinie der Stellenwert und das Prinzip der „proaktiven Therapie“ erläutert: Hierbei handelt es sich um eine zeitlich begrenzte Intervalltherapie über die Phase der Abheilung hinaus („proaktive Therapie“). Auf Besonderheiten im Säuglings- und Kleinkindalter wird gesondert hingewiesen. Insbesondere als Therapie für glukokortikosteroid-sensible Hautareale (z. B. Gesicht, intertriginöse Hautareale, Genitalbereich, Capillitium bei Säuglingen) wird die topische Therapie mit Calcineurininhibitoren wie Pimecrolimus und Tacrolimus empfohlen. Unter Berücksichtigung der aktuellen Studiendaten wird außerdem das onkogene Potenzial von topischen Calcineurininhibitoren diskutiert, wobei es bis dato keine überzeugenden Hinweise dafür gibt, dass Calcineurininhibitoren maligne Erkrankungen (Plattenepithelkarzinome, maligne Lymphome) bei topischer Anwendung induzieren. Allerdings wird ein wirksamer Sonnenschutz empfohlen und die Kombination von topischen Calcineurininhibitoren mit Phototherapie wird nicht empfohlen.

Das Stufenschema zur Behandlung der atopischen Dermatitis nach der neuen Leitlinie (Grafik: Heratizadeh)
Das Stufenschema zur Behandlung der atopischen Dermatitis nach der neuen Leitlinie (Grafik: Heratizadeh)

Mittlerweile liegen neue, praxisrelevante Forschungsergebnisse zum Hautmikrobiom bei Neurodermitis vor. Dementsprechend wurde zum Einsatz einer topischen, antiseptischen Therapie die schwächste Positivempfehlung konsentiert: Der Einsatz einer zusätzlichen antimikrobiellen Therapie (topisch antiseptisch) kann bei Nichtansprechen auf topische Glukokortikosteroide/Calcineurininhibitoren und/oder evidenter Superinfektion bei chronisch rezidivierenden bzw. chronischen Ekzemen erwogen werden. Bei Ekzemen mit deutlichen Zeichen der bakteriellen Superinfektion wird dagegen weiterhin die Therapie mit systemischen Antibiotika empfohlen.
In der Therapie des Juckreizes hat die Anwendung topischer Glukortiko­steroide und Calcineurininhibitoren einen moderaten Effekt, während es keine Evidenz für den Nutzen von Antihistaminika gibt. In Einzelfällen bei schweren, akuten Schüben können H1-Antihistaminika in Kombination mit anderen Therapiemaßnahmen eingesetzt werden. Aufgrund eines sehr ungünstigen Nutzen-Risiko-Profils rät die Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin allerdings von der Anwendung teils frei verkäuflicher, sedierender Antihistaminika ab. Bei schweren, therapieresistenten Verläufen einer Neurodermitis kann Ciclosporin auch in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen als mögliche off-label-Therapieoption erwogen werden. Unter Einnahme von Ciclosporin wird dann ein optimaler UV-Lichtschutz empfohlen.

Teile dieser Zusammenfassung wurden direkt aus den Originaltexten der Leitlinie übernommen. Die Kurzversion der S2k-Leitlinie „Neurodermitis“ ist bereits – auch in Englisch – im Journal der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie (2016 Jan;14(1):92-106) veröffentlicht.

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