Podiumsdiskussion der FOM Hochschule München

Antibiotika nur wenn notwendig und indiziert

Um die von der WHO prognostizierte globale Krise aufgrund der Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen und den Wirkverlust einer so wichtigen Medikamentenklasse zu verhindern, ist ein Umdenken erforderlich.

Prof. Dr. med. Cord Sunderkötter (Foto: privat)
Prof. Dr. med. Cord Sunderkötter (Foto: privat)

In dieser Forderung waren sich die Experten bei einer offenen Vorlesung und Podiumsdiskussion im Juli 2016 am FOM Hochschulzentrum in München einig. Das Thema der Expertenrunde aus Politik, Krankenkassen, Medizin und Wirtschaft: „Antibiotika-Resistenzen – eine interdisziplinäre und gesundheitspolitische Herausforderung“.

Ein Diskussionspunkt war u. a. die Anwendung von Antibiotika bei Akne – ein nach wie vor gängiges therapeutisches Vorgehen, obwohl die deutsche S2k-Leitlinie Retinoide und BPO als Basistherapeutika empfiehlt.
„Herr Doktor, ich habe mich erkältet und muss schnell fit werden. Könnten Sie mir ein Antibiotikum verordnen?“ oder „Ich habe Akne und brauche wieder mein lokales Antibiotikum.“ Mit solchen und ähnlichen Forderungen kommen viele Patienten heute zum Arzt, erläuterte Prof. Dr. med. Cord Sunderkötter, Münster. „Aber“, so Sunderkötter weiter, „Antibiotika helfen nicht gegen Virusinfekte und manche Erkrankungen wie beispielsweise die Akne sind keine Infektionen.“ Die Gabe von Antibiotika richte dann eher einen Schaden an, als dass sie nütze. Aktuell kommt es in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen zu jährlich rund 700.000 Infektionen mit resistenten Erregern und ca. 18.500 Todesfällen, ergänzte Gerhard Potuschek, Landesgeschäftsführer der Barmer GEK Bayern, München. Bei allen diesen Fällen verlängere sich die Behandlungsdauer und die Behandlungskosten steigen.


Unsachgemäße Verordnungen – Ausbreitung von Resistenzen


Der Mensch lebt in einem Wechselspiel mit einer sehr großen Anzahl an Bakterien. Viele davon, wie beispielsweise die Bakterien der Darmflora oder die Mikroflora der Haut, übernehmen wichtige Funktionen auf oder im menschlichen Organismus. Antibiotika erfüllen nur dann ihre Aufgabe, wenn sich pathogene Bakterien ausbreiten, es also zu einer bakteriellen Infektion kommt. „Antibiotika sind wichtig und erhaltenswert“, betonte Sunderkötter, „sie gehören zu den wenigen Medikamenten, die direkt die Ursache einer Erkrankung zu behandeln vermögen.“ Unsachgemäße Verordnungen und Anwendungen führten aber dazu, dass sich Resistenzen schneller ausbreiten als neue Antibiotika entwickelt werden können.


Antibiotika gegen Akne selektieren resistente Bakterien


Sunderkötter erläuterte die Problematik am Beispiel der Akne-Therapie. Obwohl Akne keine Infektionskrankheit, sondern eine chronisch-entzündliche Erkrankung ist, werden nach wie vor häufig Antibiotika verordnet. Aufgrund ihrer Wirkung gegen Propionibakterien und aufgrund ihrer antiinflammatorischen Effekte verbessern sie zwar das Hautbild der Patienten. Gleichzeitig können durch die Therapie aber sowohl resistente Propionibakterien als auch andere Bakterien der Hautflora wie bspw. Staphylokokken selektiert werden. Sunderkötter appellierte daher an die Verantwortung des Arztes, bei der Behandlung seiner Patienten sowohl diese selbst als auch das Wohl der Gesamtbevölkerung im Blick zu haben und Antibiotika nur dann einzusetzen, wenn sie tatsächlich indiziert seien.


DART 2020: One-Health-Ansatz


Dr. med. Alexandra Clarici, Berlin, präsentierte die Ziele der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART 2020). Das erste Ziel dieses gesundheitspolitischen Maßnahmenplans ist der sogenannte „One-Health-Ansatz“, der die Bereiche Humanmedizin, Veterinärmedizin und Landwirtschaft als miteinander verknüpft betrachtet. Da der Einsatz von Antibiotika und die Entstehung von Resistenzen in einem der Bereiche sich auch auf die anderen auswirken, könne man dem Problem nur sektorenübergreifend begegnen.


„Wir haben das Know-how“


Zu dieser Forderung nahm Dr. rer. nat. Andreas Jäckel, Leiter Medizin bei Galderma Deutschland, Düsseldorf, Stellung: Aktuell sei es für pharmazeutische Unternehmen wirtschaftlich vergleichsweise wenig interessant, neue Antibiotika zu entwickeln. So kostet die Entwicklung eines neuen Antibiotikums bis zu 1 Mrd. Euro. Die meisten heute verfügbaren Antibiotika fallen unter die Festbetragsregelung. Neue Antibiotika sollten zurückhaltend und in der Regel als Reservetherapie eingesetzt werden, um die Entstehung von Resistenzen hinauszuzögern. Neue Wirkstoffe durchlaufen nach Einführung in den Markt ein Nutzenbewertungsverfahren im Vergleich zu bisher verfügbaren Therapien. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen von akademischer und industrieller Forschung, der Gesundheitspolitik sowie der Kostenträger, um dieses gesellschaftliche Dilemma aufzulösen. Jäckel forderte daher, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und im gesellschaftlichen Konsens geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Entwicklung neuer Antibiotika zu fördern, „schließlich haben wir alle gemeinsam das Know-how“.
Bereits im vergangenen Jahr hat Galderma ein Zeichen gegen Antibiotika-Resistenzen gesetzt, indem es den Vertrieb aller antibiotikahaltigen Topika für die Akne-Therapie eingestellt hat.

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