„Ästhetik ist das Maß aller Dinge“

Wiederherstellungschirurgie Interview mit Prof. Dr. med. Peter Maria Vogt, Hannover, über hohe Patientenerwartungen als Antrieb für die Entwicklung der plastischen Chirurgie und deren Verantwortung angesichts stets wachsender Zahlen für sogenannte ,Schönheits-OPs‘.

Prof. Dr. med. Peter M. Vogt (Foto: Conventus)
Prof. Dr. med. Peter M. Vogt (Foto: Conventus)

„Masterclass“, so lautet der Titel des 1. Internationalen Sommer-Symposiums für plastische Chirurgen, zu dem am 25. und 26. Mai 2018 international renommierte Spezialisten ihres Faches in Hannover erwartet werden. Im Mittelpunkt des „Meisterkurses“ steht die Frage nach dem bestmöglichen ästhetischen Ergebnis in der plastischen, ästhetischen, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Tagungspräsident Prof. Dr. med. Peter Maria Vogt, Klinikdirektor an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und vielfach ausgezeichneter Experte für rekonstruktive Chirurgie, blickt voraus auf diese herausragende Fachtagung.

Prof. Vogt, worauf bezieht sich der Titel Ihres Symposiums Masterclass?
Prof. Dr. med. Peter ­Maria Vogt: Darauf, dass hier keine Grundfertigkeiten vermittelt werden sollen. Die Veranstaltung möchte für plastische Chirurgen, die bereits Könner ihres Faches sind, das i-Tüpfelchen bieten, mit dem sie ihre Kunst noch weiter perfektionieren, noch bessere Ergebnisse erzielen können. Es geht darum, von den Besten aus allen Bereichen noch etwas dazuzulernen.

Was wäre in der plastischen Chirurgie ein „noch besseres“ Ergebnis?
Vogt: Wir erreichen in der plastischen Chirurgie mit modernen Techniken und biologischen Prinzipien heute schon sehr viel. Wir können große Defekte standardisiert verschließen, wir erzielen in der Handchirurgie gute funktionelle Ergebnisse. Aber der Patient wünscht sich noch mehr: bestenfalls überhaupt keine oder sehr geringfügige Narben, bei Gewebeverpflanzung bestmögliche Übereinstimmung mit dem Empfängergebiet. Nicht selten haben unsere Patienten weitere Verbesserungswünsche. Als die Methoden beispielsweise für Brustverkleinerungen oder -vergrößerungen entwickelt wurden, waren die Patientinnen meist damit zufrieden, dass überhaupt etwas getan werden konnte. Heute wünschen sie sich ein ganz konkretes Ergebnis. Das ist die große Herausforderung für uns.

Ist das Anspruchsdenken des modernen Patienten zu hoch?
Vogt: Einen hohen Anspruch kann man positiv oder negativ werten. Ich betrachte den Anspruch der Patienten eher als positives Stimulans für unsere Weiterentwicklung.
Das bestmögliche ästhetische Ergebnis ist das maßgebliche Ziel und deshalb die treibende Kraft des Fortschritts in unserem Fachgebiet.
In der Philosophie meint Ästhetik eine sinnliche Wahrnehmung der Dinge, nicht per se das Schöne. Was ist für die plastische Chirurgie „ästhetisch“?
Vogt: Wir streben Ästhetik an, indem wir das äußere Erscheinungsbild optimieren. Das kann darin bestehen, Alterserscheinungen oder auffällige Deformierungen zu entfernen, die objektiv betrachtet noch keinen Krankheitswert haben, aber Patienten durchaus beeinträchtigen können. Mir ist allerdings eines besonders wichtig: die Ästhetik als das Maß aller Dinge – auch und vor allem in der Wiederherstellungschirurgie. Es gibt eine Tendenz, die plastischen Chirurgen gedanklich einzuteilen in Schönheitschirurgen und rekonstruktive Handwerker, die die anderen Aufgaben erledigen. Und das ist eben falsch. Bei einer Rekon-
struktion wollen wir nicht einfach einen Defekt verschließen und nachher ist der Patient gezeichnet. Wir wollen die ästhetische Integrität wiederherstellen und die Eigenwahrnehmung der Patienten stärken. Beide Aspekte gehören zusammen.

Die Zahlen rein ästhetischer OPs nehmen seit Jahren zu, besonders die Bruststraffungen und Korrekturen im Intimbereich. Der Wunsch nach operativ optimierter Schönheit macht vor keiner Körperregion halt. Hat die plastische Chirurgie eine Verantwortung, die nicht medizinischer Natur ist?
Vogt: Ja, haben wir. Wir müssen bei der Indikationsstellung streng prüfen: Was machen wir da überhaupt? Jeder verantwortungsbewusste plastische Chirurg lehnt es daher manchmal ab, Eingriffe durchzuführen. So werden in unserer Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der MHH von allen vorstelligen Patienten letztlich etwa nur 30 % operiert.

 

Wie treffen Sie eine solche Entscheidung?
Vogt: Gerade für rein ästhetische Eingriffsindikationen gibt es eine Reihe klarer Kriterien. An erster Stelle: Ist durch eine Operation überhaupt eine Verbesserung zu erzielen? Hat der Patient ein objektivierbares Problem? Steht vielleicht „nur“ eine Lebenskrise hinter dem Wunsch nach einer Operation oder liegt eine gestörte Körperwahrnehmung vor? Das sind harte Parameter, mit denen sich die Indikationsstellung eng fassen lässt. Das setzt natürlich eine gewisse Freiheit der Berufsausübung voraus – und das heißt vor allem: Freiheit von wirtschaftlichen Zwängen.

Beim Masterclass-Symposium stehen die technischen Aspekte im Fokus der Fallbetrachtungen. Wie wird das praktisch vermittelt?
Vogt: Indem die Referenten aus den jeweiligen Spezialdisziplinen ihre besten Ergebnisse präsentieren und detailliert aufzeigen, wie sie das gelöst haben. Dazu gibt es interaktive Fallbetrachtungen, in denen die Teilnehmer live abstimmen unter dem Motto: Wie würden Sie vorgehen?

Können Sie inhaltliche Schwerpunkte benennen?
Vogt: Wir haben jene Problembereiche hervorgehoben, die eine besondere Herausforderung darstellen. Ein Beispiel, an das viele nicht zuerst denken: die Hand. In der Handchirurgie geht es in hohem Maße um Funktionalität. Aber diese soll auch ästhetisch ansprechend sein. Patienten mit einer Rheuma-Hand leiden gelegentlich mehr unter der Deformierung als unter der funktionellen Beeinträchtigung. Einen weiteren Schwerpunkt bildet im Bereich Brust die Rekonstruktion nach Krebs, auch hinsichtlich der Optimierung bereits vorgenommener Operationen. Einen interessanten Beitrag liefert hier ein Schwerpunktvortrag zum Thema „Was erwarten Frauen von der Brustchirurgie, die ja immer noch vor allem von Männern ausgeführt wird?“. Dann betrachten wir die Extremitäten: Wie kann bei der Rekonstruktion eines Fußes die Ästhetik gewahrt werden? Wie können im Fall einer Krebserkrankung Arm oder Bein mit maximaler Funktion und Ästhetik erhalten werden? Im Gesicht beschäftigt uns die Rhinoplastik. Und insgesamt wird es bei den anwesenden Experten aus vielen Ländern natürlich auch um die unterschiedlichen Ideale von Schönheit und Ästhetik in verschiedenen Kulturen gehen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Interview: Anja Blankenburg

 

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Anja Blankenburg

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