Grenzen der Ästhetik

Attraktivitätssteigerung durch körperliche Entstellung

Prof. Dr. med. Erich Kasten, Neuropsychologe aus Hamburg, wird in Bochum über die Selbstwahrnehmungsstörung BIID berichten, bei der Patienten sich aus ästhetischen Gründen selbst verstümmeln wollen.

Fotos: Kasten
Prof. Dr. med. Erich Kasten

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters und der innere Maßstab dessen, was am eigenen Körper als attraktiv empfunden wird, kann sich bei einigen psychischen Störungen empfindlich verschieben. Unangenehmste Variante sind Zoenästhesien, bei denen die Betroffenen regelrechte körperbezogene Halluzinationen spüren. Patienten, die unter körperdysmorphen Störungen leiden, sehen häufig durchaus attraktiv aus, empfinden sich aber als so hässlich, dass sie erheblichen Leidensdruck entwickeln und oft Schönheits-OPs anstreben, die objektiv gesehen keinen Sinn machen. Auch bei magersüchtigen Patienten hat sich das innere Körperschema völlig verschoben: Obwohl schon massiv abgemagert, empfinden sie sich noch immer als zu dick.


Gut eingrenzbare Hirnfunktion


Unser Körperselbstbild ist eine Hirnfunktion, deren Areale im Gehirn inzwischen recht gut eingegrenzt werden konnten. Das Empfinden für die Außengrenzen des Körpers verschiebt sich dementsprechend z.B. auch als Folge neurologischer Störungen (z.B. Alice-im-Wunderland-Syndrom), aber auch durch viele Drogen. Einige Experimente wie die „rubber’s hand illusion“ zeigen, dass man das Empfinden dessen, was zum eigenen Körper gehört, sogar bei jedem normalen Menschen verändern kann.
Eine in diesem Rahmen besonders interessante Störung ist die Body Integrity Identity Disorder (BIID), bei der Menschen das Gefühl haben, ein Körperteil, z.B. das linke Bein, gehöre nicht zu ihrem Körper. BIID ist eine Körperwahrnehmungsstörung, bei der das mentale Körpergefühl und der intakte, äußere Körper als nicht zusammenpassend empfunden werden. Sie wurde daher als Identitätsstörung eingeordnet, konnte aber noch keinen Einzug in das ICD erhalten. Die Betroffenen sind meistens Männer, oft Akademiker, beruflich nicht selten erfolgreich und überwiegend in bürgerlichen Verhältnissen lebend. In der Mehrzahl ist es ein Bein, das sie amputiert haben möchten, seltener eine Hand oder ein Arm, mitunter wird auch eine Lähmung bis hin zur Querschnittlähmung gewollt. Der Wunsch besteht schon seit Kindheit oder Jugend. Die Betroffenen sind sich über die Abnormität ihres Amputationswunsches völlig im Klaren; sie wissen auch, dass sie in ihrer Umgebung damit auf völliges Unverständnis stoßen. Trotzdem kann BIID einen großen Leidensdruck auslösen; die Patienten haben das Gefühl, im falschen Körper zu leben – vergleichbar etwa mit Transidenten. Viele finden einen Stumpf sehr ästhetisch, manche sogar erotisch.

Schönheit durch Behinderung: Viele Betroffene, die eine Amputation anstreben, üben ihr neues Aussehen mit hochgebundenem Bein und Krücken. Bereits dieses „pretending“ löst oft einen Schwall angenehmer Gefühle aus.

Wie die Störung entsteht, ist bisher noch völlig unklar. Denkbar wäre eine Schädigung des Zentralnervensystems zu einem sehr frühen Zeitpunkt in dem Bereich des Gehirns, in dem das Körperbild gespeichert wird. Dagegen spricht jedoch, dass bei manchen Patienten der Amputationswunsch von der einen auf die andere Seite wechselt. Versuche, BIID-Patienten psychotherapeutisch oder psychopharmakologisch zu behandeln, führten bisher nicht zum Erfolg. Manche BIID-Patienten suchen sich einen Arzt in der Dritten Welt, lassen sich dort operieren und kaschieren das Ganze dann als Unfall. Neuerdings wurde das Bein in mehreren Fällen in Trockeneis gesteckt, bis irreversible Erfrierungen auftraten, um Ärzte zu zwingen, es zu amputieren.
Eine aktuelle Studie an über 20 Betroffenen, die sich ihren Wunsch erfolgreich erfüllen konnten, zeigte einen Rückgang von Depressionen und Grübeleien und erhebliche Zufriedenheit mit dem Zustand als Körperbehinderter – selbst noch mehr als zehn Jahre nach der Amputation. Die Betroffenen litten zwar unter den Einschränkungen der Alltagsaktivitäten durch die Körperbehinderung, fühlten sich insgesamt aber erleichtert.
BIID ist auch für die kosmetische Chirurgie durchaus interessant, da die Betroffenen objektiv gesehen nach der Amputation entstellt und behindert aussehen, sich subjektiv aber deutlich wohler fühlen, da ihr Äußeres nun mit dem inneren Körperselbstbild übereinstimmt. In einer weiteren unserer Studien wurde aktuell gerade eine benachbarte Störung untersucht, die man gemeinhin als „Deformations-Fetischismus“ bezeichnet – eine Form von Paraphilie, bei der die Betroffenen durch den Anblick amputierter Menschen sexuell hochgradig erregt werden.
Diese Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die alte Frage, was eigentlich körperliche Attraktivität ausmacht und wann man sich in seinem eigenen Körper zu Hause fühlt.

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