Falsche Versprechen bei Tattoos

DGDC in Dresden Wer sich tätowieren lässt, nimmt Risiken in Kauf, die zum Teil noch gar nicht näher erforscht sind. Wer sich von seinem Tattoo mithilfe einer Laserbehandlung wieder trennen möchte – tut dies ebenfalls.

Die technische Entwicklung vom bisher gebräuchlichen Nano- zum Picosekundenlaser, der mit noch kürzeren Energie-Impulsen die Nebenwirkungen der Laserbehandlung wie Verbrennungen und Narbenbildung noch weiter mindern soll, ändert daran nichts. Tattoo-Entfernung mit dem Picosekundenlaser, aber auch Komplikationen mit Tätowierungen, die sogar Jahre nach der Prozedur noch auftreten können, waren ein Schwerpunktthema bei der 9. Strategie-Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Dermatochirurgie e. V. (DGDC), die vom 8. bis 9. Juni 2018 in Dresden stattfand.


In drei bis vier Sitzungen ist kein Tattoo zu entfernen


Im Rahmen der Sitzung zu „Lasermedizin und Ästhetik“ bot Dr. med. Matthias Bonczkowitz, Kelkheim, einer der wenigen Ärzte, die über einen Picosekundenlaser verfügen, anhand von klinischen Fotos spannende praktische Einblicke in seine Erfahrung mit dem Laser und dessen Vorteile und Grenzen. Eine Verkürzung der Behandlungsdauer ermöglicht die neue Generation von Lasern zwar tatsächlich, doch stellte der Dermatologe zugleich klar, dass mit den von Herstellern propagierten drei bis vier Sitzungen kein Tattoo zu entfernen ist.

 

„Es gilt die bekannte Faustregel, man möge zwischen den einzelnen Sitzungen lieber länger warten als kürzer, um bessere Effekte zu erzielen.“

 

Er benötige im Schnitt 10 bis 15 Behandlungen, um ein Tattoo nahezu bzw. vollständig zu entfernen, erläuterte Bonczkowitz. Die Behandlungsabstände sollten dabei nicht zu kurz gewählt werden und mindestens vier, besser noch zwölf Wochen betragen. „Es gilt die bekannte Faustregel, man möge zwischen den einzelnen Sitzungen lieber länger warten als kürzer, um bessere Effekte zu erzielen“, sagt Prof. Dr. med. Uwe Paasch, Leipzig, Vorsitzender der Laser-Session. Auch wenn bei vielen Patienten hinter dem Wunsch, ein Tattoo verwinden zu lassen, der Wunsch stehe, unverzüglich ein neues ebenda zu platzieren. „Zum Beispiel, weil aus ‚Lena‘ eine ‚Eva‘ geworden ist oder umgekehrt“, bemerkt der Laserspezialist. Bisher unbekannte Langzeitrisiken birgt auch die Entfernung der in die Haut eingebrachten Farbstoffe. Das Prinzip der Laserentfernung: Die Pigmentartikel in der Haut zerplatzen durch Einwirken hoher Energien in kleinste Einzelteile und werden anschließend vom Lymphsystem aufgenommen und abtransportiert. „Am leichtesten zu entfernen ist der schwarze Farbstoff“, sagt DGDC-Tagungsleiter Dr. med. Jörg Laske, Dresden, „weil die dunklen Farben am meisten Energie absorbieren.“
Blau, Grün und Rot hingegen erwiesen sich als problematisch, noch schwieriger sei es mit Gelb, Ocker und Weiß, ergänzt Paasch. Welches Risiko bei der Fragmentierung von Farbpigmenten in toxische oder krebserregende Bestandteile ausgeht, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Das Bundesamt für Risikobewertung hat Abbauprodukte der Laserbehandlung analysiert – und beispielsweise für die Bestrahlung des Blaupigments Kupferphthalocyanin flüchtige und hochgiftige Verbindungen wie Blausäure oder Benzol nachgewiesen. Über die Gefahren seien sich viele Menschen, wenn sie sich für eine Tätowierung entscheiden, überhaupt nicht im Klaren, sagt Laske. Der Trend zur Tätowierung ist stattdessen seit Jahren ungebrochen: Jeder fünfte Deutsche trägt mittlerweile Bilder und Motive in Schwarz oder mehrfarbig auf der Haut. 50 Millionen sind es in Europa. Selbst in der Generation 60+, so die Beobachtung von Paasch, mehrten sich zuletzt die Befürworter und Frischtätowierten.
Inwieweit indes sich die neue Generation von Lasergeräten zur Tattoo-Entfernung etablieren würde, bleibe angesichts der enormen Anschaffungskosten abzuwarten, so Paasch. Derzeit ist deren Einsatz vor allem auf wenige Zentren beschränkt. Immerhin sind Patienten, die sich von ihrem Tattoo trennen möchten, dort auch am besten aufgehoben.

In drei bis vier Sitzungen lässt sich kein Tattoo entfernen. Dieser Patient erhielt 15 Behandlungen mit dem Picosekundenlaser mit 755 nm und 1.064 nm Wellenlänge. (Fotos: Hautmedizin Kelkheim / Dr. med. Matthias Bonczkowitz)

Weites Spektrum der Nebenwirkungen


Patienten, die sich aufgrund schwerer allergischer Reaktionen – wie sie auch noch Jahre nach der Prozedur entstehen können und vor allem vom roten Farbstoff ausgehen – von ihrem Tattoo trennen müssen, kann mit Laserbehandlung nicht geholfen werden. An einem operativen Eingriff führt dann meist kein Weg mehr vorbei. Dr. med. ­Roland Aschoff, Dresden, berichtete während der Strategiesitzung in seinem Vortrag über Hautreaktionen, die nach dem Tattoo-Stechen auftreten können. Das Spektrum der Nebenwirkungen reicht dabei von Infektionen bis hin zu schweren allergischen Reaktionen. Auch Tumorentstehungen werden mit Tätowierungen in Verbindung gebracht.
Wie problematisch indes Laserbehandlungen sein können, wenn sie durch Nichtmediziner durchgeführt werden, das stand bei der DGDC-Fachtagung im Zusammenhang mit ästhetisch-korrektiven Maßnahmen in der Dermatologie auf dem Programm. PD Dr. med. Gerd Gauglitz, München, präsentierte Anwenderfehler und Nebenwirkungen bei Laserbehandlungen, Prof. Dr. med. Berthold Rzany, Berlin, bei Botulinumtoxin- und Hyaluronsäure-Fillern zur Faltenreduktion im Gesicht. Viele Nebenwirkungen betreffen Hypo- und Hyperpigmentierungen, die durch die Fehleinschätzung des Hauttyps entstehen. Vor der Behandlung empfiehlt ­Gauglitz daher, bei nicht vorhersehbaren Ergebnissen zunächst eine Probelaserung durchzuführen.
Mit Kursen zu den Themen Hyaluronsäure-Filler, Pigface-Training und Proktochirurgie/Akne inversa war die Tagung in Dresden mit einem vielseitigen Programm und 170 Teilnehmern gestartet. Der Block „Was sollte der Dermatochirurg vor der Operation bedenken?“ wurde von einem Übersichtvortrag zu medikamentösen Alternativen zum operativen Vorgehen bei nichtmelanozytären Hauttumoren eröffnet. Es folgten Beiträge u. a. zu den Themen Burow-Dreiecke, Verwendung von Wunddrainagen oder Lokalanästhetika-Allergien. Im Block „Melanozytäre und nichtmelanozytäre Läsionen – wann wie behandeln?“ wurde die Prävention und das Vorgehen bei postoperativen Seromen besprochen. Weitere Themen betrafen die Behandlung kongenitaler melanozytärer Nävi und die Ergebnisse der DESSI-Umfrage­studie zum praktischen Vorgehen bei der Melanomresektion. Im Themenkomplex Phlebologie berichtete Birgit Heinig, Dresden, über ihre langjährigen Erfahrungen zu Möglichkeiten und Grenzen der konservativen Behandlung des Lipödems. Im Laufe der beiden folgenden Vorträge entwickelte sich ein spannendes und unterhaltsames Wortgefecht zwischen den Verfechtern der Crossektomie bzw. der endovenösen Therapie der Varikose.
Am zweiten Tagungstag wurden von erfahrenen Operateuren Tricks und Kniffe bei Rekonstruktionen am Skalp und am Unterschenkel bzw. bei Lappenplastiken mit diskontinuierlichem Epithel vorgestellt. Die Dominanz der Mannheimer Dermato­chirurgie wurde durch die Darstellung von Erfahrungen mit Dermis-Ersatz-Präparaten am Skalp und an der Nase ergänzt. Ein Highlight der Tagung war der Vortrag von Vernon K. Sondak, Tampa/Florida, zum provokativen Thema: „Is surgery obsolete in melanoma?“ Durch die Ergebnisse der DECOG- und MSLTII-Studien ist die Entscheidung zur radikalen Lymphadenektomie bei Patienten mit positivem Wächterlymphknoten sehr schwierig geworden. In seinem Vortrag brach er jedoch eine Lanze für das operative Vorgehen. Eine weitere Session stand im Zeichen der Akne inversa. Flankiert wurde das wissenschaftliche Programm von Workshops, beispielsweise zum Thema laser-assisted drug delivery, einer sehr effizienten Methode bei der Feldkanzerisierung in Form der laser-assistierten photodynamischen Therapie, sowie Industrie-Symposien wie etwa zur optischen Kohärenz-Tomografie und Elektro­chemotherapie.                                                                                               | ab

Blaues Tattoo: das Ergebnis der Behandlung nach zwölf Sitzungen mit dem Pico­sekundenlaser mit einer Wellenlänge von 755 nm (Fotos: Hautmedizin Kelkheim / Dr. med. Matthias Bonczkowitz)

Kontakt
Dr. med. Jörg Laske
Friedrichstraße 41
01067 Dresden
Tel.: 03 51 / 4 58-24 97
Fax: 03 51 / 4 58-43 38

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