23. Deutscher Hautkrebskongress der ADO in Essen

MM und AK: Der neueste Stand

800 Teilnehmer trafen sich beim 23. Deutsche Hautkrebskongress vom 26. bis 28. September 2013 in Essen, der von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) veranstaltet wurde. Kerstin Aldenhoff berichtet für DERMAforum.

Foto: Aldenhoff
Prof. Dr. med. Dirk Schadendorf, Tagungspräsident und 1. Vorsitzender der ADO: „Die Prävention sollte verstärkt in das Bewusstsein der behandelnden Ärzte gerufen werden.“

In 16 Fach-Symposien, drei gemeinsamen Symposien mit verwandten Fachgesellschaften und acht Vortragssitzungen wurden neue Erkenntnisse zur häufigsten Krebserkrankung mit der größten Steigerungsrate ausgetauscht. Im Fokus der Workshops zu praktischen Aspekten der dermatologischen Onkologie standen Hauttumoren – im Gesicht, an Handflächen, Fußsohlen und unterhalb des Nagels, auf der Schleimhaut und der Kopfhaut –, Muttermaltypen, verschiedene Diagnosemöglichkeiten bei Hautkrebs; die neue europäische Leitlinie zur Photodynamischen Therapie (PDT) sowie Management von Fehldiagnosen und aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen.
„Die Prävention sollte verstärkt in das Bewusstsein der behandelnden Ärzte gerufen werden“, stellte Prof. Dr. med. Dirk Schadendorf, Tagungspräsident und 1. Vorsitzender der ADO, Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen, fest: „Außerdem stand das interdisziplinäre Arbeiten im Vordergrund, um kontinuierlich Therapiemethoden weiterzuentwickeln und aktuelle Erkenntnisse aus der translationalen Medizin zu vermitteln.“
Ein Tagungsschwerpunkt waren neue Forschungen zum Malignen Melanom. Prof. Dr. med. Ralf Gutzmer, Hannover, und Prof. Dr. med. Axel Hauschild, Kiel, berichteten über die großen Fortschritte bei der Immuntherapie des fortgeschrittenen Melanoms, die beim weltweit größten Krebskongress in Chicago, der American Society for Clinical Oncology (ASCO), präsentiert wurden. Neben weiteren vielversprechenden Studienergebnissen zu zielgerichteten Therapien und neuen Erkenntnissen zu Mechanismen einer möglichen Resistenz gegen diese Wirkstoffe stand die Immun-Onkologie des Melanoms im Mittelpunkt mehrerer Symposien.


Neue Ära für Patienten mit metastasiertem MM


Eine klinische Studie zur Antikörpertherapie mit dem neuen PD1-Antikörper MK-3475 wurde vorgestellt, auf die sowohl vorbehandelte als auch neu therapierte Patienten gleich gut ansprachen. Bei der höchsten Konzentration des Wirkstoffs profitierte jeder zweite Patient von der Behandlung. Remissionen traten deutlich früher auf als bei den bisher etablierten Immuntherapien mit langen Phasen der Krankheitsstabilisierungen. Bei jedem zehnten Patienten zeigten sich höhergradige Nebenwirkungen, unter anderem Fatigue und Hautveränderungen.
Eine Kombinationsstudie mit den Wirkstoffen Ipilimumab und Nivolumab, einem zweiten PD1-Antikörper, wurde präsentiert, bei der die Hälfte der Patienten auf diese Immuntherapie ansprach, bei einigen war der Tumor um mehr als 80 Prozent reduziert. Zur Antikörpertherapie wurde festgestellt, dass mit MK3475 und der Kombination aus Nivolumab und Ipilimumab mit langen Remissionsraten und 1-Jahres-Überlebensdaten um 80 Prozent ein neues Zeitalter für Patienten mit metastasiertem Malignen Melanom anzubrechen scheint. Alle Substanzen werden einzeln und als Kombinationen in weiteren Studien derzeit auch in Deutschland getestet.


Therapieresistenz beim Schwarzen Hautkrebs


„Gibt es DIE EINE Melanomzelle?“ hieß es in einer aktuellen Studie, in der Priv.-Doz. Dr. med. Alexander Roesch, Homburg, Ursachen von Therapieresistenz beim Schwarzen Hautkrebs untersuchte. Bei dem genetisch sehr heterogenen Tumor, der bereits früh über Lymph- und Blutbahnen Organmetastasen streut, gibt es individuell sehr unterschiedliche genetische Defekte. Bei rund der Hälfte aller Melanome spielt z.B. eine Mutation in dem wachstumsstimulierenden BRAF-Onkogen eine wichtige Rolle, andere Patienten besitzen Mutationen z.B. im NRAS- oder cKIT-Onkogen. Für Patienten mit der BRAFV600E-Mutation sind seit kurzer Zeit sehr wirksame Substanzen wie Vemurafenib und Dabrafenib auf dem Markt, die das Tumorwachstum vorübergehend aufhalten können. Doch einzelne Melanomzellen können sich flexibel anpassen, indem sie Resistenzmechanismen instrumentalisieren – z.B. durch Mutationen in anderen Onkogenen wie der MEK-Kinase oder Reaktivierung der Wachstumsstimulation über andere Signalwege.
Dem Homburger Forscherteam gelang es, Melanomzelltypen zu identifizieren, die sich gar nicht oder nur sehr langsam teilen und die „therapieresistente Wachstumsreserve“ des Melanoms bilden. Mit weiteren Untersuchungen dieser Zellsubpopulation konnte gezeigt werden, dass die Zellen einen Stoffwechselweg zur Energieproduktion benutzen, der dem von normalen Zellen ähnelt – den Prozess der oxidativen Phosphorylierung in den Mitochondrien. Die gezielte Suche nach Substanzen, mit denen die Atmungskette blockiert werden kann, führte die Wissenschaftler zu einem Wirkstoff gegen Diabetes: Mit Phenformin gelang der Nachweis, die langsam wachsenden Tumorzellen abzutöten. Eine Kombination dieses neuen Forschungsansatzes mit neuen Medikamenten wie z.B. Vemurafenib oder Dabrafenib könnte eine effizientere Behandlung für Melanom-Patienten ermöglichen.


Targeted therapies


Über aktuelle Erkenntnisse zur Therapie der Nebenwirkungen bei den „Targeted therapies“ gegen Hautkrebs, die für das metastasierte Melanom im klinischen Alltag oder im Rahmen von Studien eingesetzt werden, berichteten Prof. Dr. med. Selma Ugurel, Würzburg, und Dr. med. Lisa Zimmer, Essen. Indem diese Medikamente ihre Wirkung gezielt durch Unterbindung oder deutliche Verminderung eines molekularen Signalweges entfalten, der für die Tumorerkrankung von entscheidender Bedeutung ist, wird der Behandlungserfolg im Vergleich zu konventionellen Chemotherapeutika optimiert und es werden deutlich weniger gesunde Zellen geschädigt. Doch bei beiden Substanzklassen zielgerichteter Medikamente – selektiven BRAF-Inhibitoren wie z.B. Vemurafenib und Dabrafenib sowie selektiven MEK-Inhibitoren wie z.B. Selumetinib und Trametinib – stehen kutane Nebenwirkungen im Vordergrund.


Engmaschige dermatologische Anbindung empfohlen


Unter Therapie mit selektiven BRAF-Inhibitoren sowie auch mit MEK-Inhibitoren wurden unter anderem Exantheme, Hand-Fuß-Syndrom, Xerosis, Veränderungen der Haarstruktur, Alopezie, Zysten/Milien, Strahlendermatitis sowie gutartige und bösartige Keratinozytenproliferationen beobachtet. Weitere Nebenwirkungen können Entstehung und Veränderung von Nävi, Auftreten neuer Maligner Melanome oder ausgeprägte UVA-Photosensitivität sein. Für ein optimales Management aller kutanen Nebenwirkungen, zum Erhalt der Lebensqualität und zur Vermeidung von Therapieabbrüchen wurde bei beiden Substanzklassen eine engmaschige dermatologische Anbindung empfohlen. Zu den kutanen Nebenwirkungen der BRAF- und MEK-Inhibitoren sammelt ein Register der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) Daten, um deren Häufigkeiten zu untersuchen und eventuelle Zusammenhänge zu Patientencharakteristika und Therapieerfolg aufzudecken. Als Ansprechpartnerin fungiert hier Frau Prof. Ugurel.
Dr. med. Martina Ulrich aus Berlin und PD Dr. med. Uwe Hillen aus Essen stellten neue Therapien bei Aktinischen Keratosen und Invasivem Plattenepithelkarzinom der Haut vor. Auf die obere Hautschicht ohne Blut-und Lymphgefäße begrenzt, breiten sich Aktinische Keratosen zwar nicht im Körper aus und bilden keine Metastasen, doch bei ausbleibender Behandlung kann sich ein Plattenepithelkarzinom daraus entwickeln. Das angenommene Risiko für den Übergang in einen Invasiven Hautkrebs wurde mit 0,025 bis 16 Prozent sehr ungenau angegeben, da die Beobachtung der zumeist multipel als Feldkanzerisierung auftretenden Aktinischen Keratosen über einen längeren Zeitraum schwierig ist. Aktinische Keratosen werden nicht in Tumorregistern gelistet, sodass genaue Zahlen zu Neuerkrankungsraten fehlen, doch ist eine Vielzahl der älteren Personen in der Bevölkerung davon betroffen. Kürzlich veröffentliche Daten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf weisen auf eine hohe Erkrankungsrate hin. In Untersuchungen an mehr als 90.000 Arbeitnehmern zwischen 16 und 70 Jahren wurde bei 2,7 Prozent die Diagnose Aktinische Keratose gestellt, mit zunehmendem Alter ansteigend. Bei den 60- bis 70-jährigen waren 16,36 Prozent der Männer und 6,29 Prozent der Frauen von der Erkrankung betroffen. Beim Invasiven Plattenepithelkarzinom, nach dem Basalzellkarzinom der zweithäufigste Hauttumor, gab es nach aktuellen Daten des Krebsregisters Schleswig-Holstein Neuerkrankungsraten von 18,2 Prozent bei Männern und 8,5 Prozent bei Frauen. Das Metastasierungsrisiko war mit durchschnittlich 5 Prozent zwar relativ gering, stieg jedoch bei Tumoren über 6 mm auf eine Metastasierungsrate von 16 Prozent an.
Während die Therapie der Wahl beim Invasiven Plattenepithelkarzinom die komplette chirurgische Entfernung ist, stehen für die Aktinische Keratose vielfältige nicht invasive Therapiemethoden mit exzellenten kosmetischen Ergebnissen zur Verfügung, unter anderem in Form von Gels oder Cremes, je nach Ausprägung, Schweregrad der Erkrankung, Allgemeinzustand, möglichen Vorerkrankungen und Wunsch des Patienten. Neben etablierten Substanzen und der photodynamischen Therapie wurden zwei neue Präparate in Deutschland zugelassen, verbunden mit konsequentem täglichen Lichtschutz. Mit dem einen kann eine größere Fläche von 100 cm2 behandelt werden, bei dem anderen reicht eine sehr kurze Anwendung von zwei bis drei Tagen. Beim häufig chronischen Verlauf von Aktinischen Keratosen wurde eine Kombination oder aufeinanderfolgende Therapie mit verschiedenen Substanzen empfohlen. Jedoch gibt es nicht unerhebliche lokale Nebenwirkungen.


Diskussion zur „Integrativen Onkologie“


Ein wichtiges Kongressthema war auch die aktuelle Diskussion zur „Integrativen Onkologie“: Inwiefern nutzen oder schaden komplementäre und/oder alternative medizinische Verfahren (KAM), die von einem großen Teil der Tumorpatienten genutzt werden? Dr. med. Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin in der Onkologie (PRIO), warnte vor Risiken in Form von Neben- und Wechselwirkungen sowie psychosozialer Belastung der Kranken: Nebenwirkungen erhöhten die Sym-ptomlast der Patienten, Wechselwirkungen gefährdeten den Erfolg der onkologischen Therapie. Eine große Chance für eine erfolgreiche Behandlung liege in einem Bündnis zwischen Arzt und Patient, der sich selbst aktiv für eine Gesundung einsetzen will – schließlich erhöhe eine größere Patientencompliance den Therapieerfolg.


Überreichung der Posterpreise


Ein weiteres Highlight der Tagung war die Überreichung der Posterpreise. Aus über 100 eingereichten Postern wurden vier Poster ausgezeichnet, zwei klinische Arbeiten und zwei experimentelle. Die Preisträger der mit 500 Euro dotierten Posterpreise, die von der Firma ROCHE gesponsert wurden, kommen aus Essen, Hannover, Göttingen und Lübeck. Parallel zum Kongressprogramm fand zum wiederholten Male das „Study Nurse Meeting“ statt, das durch Unterstützung der Deutschen Hautkrebsstiftung ermöglicht wurde. Themen in diesem Jahr waren Gesprächsführung mit Patienten und Angehörigen in Krisensituationen sowie Optimierung der Abläufe in klinischen Prüfzentren.

Der 24. Deutsche Hautkrebskongress findet vom 11. bis 13. September 2014 in Frankfurt am Main unter der Leitung von Prof. Roland Kaufmann, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Frankfurt, statt. Weitere Informationen gibt es unter www.ado-kongress.de.

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